Von Matthias Naß

Den "halben Kriegszustand" rief Nordkorea schon zu Beginn der vorigen Woche aus. Das Regime des greisen Diktators Kim II Sung protestierte so auf seine Art gegen das Großmanöver Team Spirit der "amerikanischen Imperialisten und der südkoreanischen Clique". Damit und mit dem Aufmarsch von 100 000 Demonstranten in der Hauptstadt Pjöngjang schien dem Ritual stalinistischer Wehrhaftigkeit Genüge getan.

Doch nur vier Tage später eskalierte der Krieg der Worte zur bitteren diplomatischen Konfrontation: Nordkorea kündigte beim UN-Sicherheitsrat seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag auf, um seine "höchsten Interessen zu verteidigen". Bedroht seien diese durch die Atomkriegsmanöver" der Vereinigten Staaten und das "ungerechte" Handeln der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien.

Verteidigen muß sich Nordkorea vor allem aber gegen den Verdacht, es habe den Nichtverbreitungsvertrag seit Jahren gebrochen und bastle fleißig an der Bombe. Der neue CIA-Direktor James Woolsey hat unter Hinweis auf russische Geheimdienstberichte Ende Februar in einer Senatsanhörung erklärt, Nordkorea verfüge über genügend Plutonium zum Bau einer Atombombe.

Die Vertragskündigung wirkt denn auch wie ein Schuldeingeständnis. Sechsmal inspizierten IAEO-Experten im vergangenen Jahr die Atomanlagen Nordkoreas, nachdem Pjöngjang im Januar 1992 endlich ein Kontrollabkommen mit der Wiener Behörde geschlossen hatte. Den Inspektoren hatten die Nordkoreaner im Mai eine hundert Seiten dicke Inventarliste mit detaillierten Angaben über ihr ziviles Nuklearprogramm überreicht. Danach verfügte das Land über zwei kleinere Forschungsreaktoren, eine Brennelementefabrik und ein "radiochemisches Laboratorium", das sich nach Ansicht der IAEO zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Kernbrennstäbe eignet. Im Bau waren nach den Angaben Pjöngjangs zwei Reaktoren von 50 und von 200 Megawatt, drei weitere 635-Megawatt-AKWs waren geplant.

Mit dieser Liste in der Hand machten sich die Wiener Experten an die Arbeit. Doch zwischen den offiziellen Daten und ihren eigenen Messungen und Laboranalysen, so berichtet ein IAEO-Sprecher, stellten sie bei dem untersuchten spaltbaren Material "wesentliche Differenzen in Qualität und in Quantität" fest.

Nordkorea hat allem Anschein nach mehr Plutonium produziert, als es zugeben will. Um sich Klarheit zu verschaffen, wollen die Inspektoren auf zwei Lagerplätzen für radioaktive Abfälle in Yongbyon, dem Zentrum des nordkoreanischen Atomprogramms hundert Kilometer nördlich von Pjöngjang, Proben entnehmen. Sie möchten sich, so der IAEO-Sprecher, "ein Bild machen, welche Prozesse abgelaufen sind".