Von Marie-Luise Bott

Sören Kierkegaard spottet: „Nimm das Paradox weg von einem Denker – so hast du einen Professor.“ Für Walter Schulz, den Tübinger Philosophen der „Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter“ gilt das nicht. In seinem philosophischen Lebenslauf, „Philosophie in Selbstdarstellungen“, erinnert Walter Schulz sich an seine Albert-Schweitzer-Lektüre als Schüler im oberschlesischen Niesky: „Der Grundgedanke, daß das Leben Leiden sei, und daß es die eigentliche Aufgabe des Menschen sei, dies Leiden zu mildern, erschien mir als die einzig angemessene Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Diese Einsicht wurde in den folgenden Jahrzehnten, als ich die Philosophie wissenschaftlich und akademisch zu betreiben suchte, verdrängt. Heute, nach fünfzig Jahren, bin ich wieder zu ihr zurückgekehrt.“

Als Schulz das schrieb, war er 63 Jahre alt und stand kurz vor der Emeritierung. Vierzehn Jahre später erschien sein Buch „Grundprobleme der Ethik“. Darin heißt es, nun schon nicht mehr mit Berufung auf Albert Schweitzer, sondern auf Albert Camus: „Geht man den Dingen auf den Grund, dann zeigt sich als letzte Bastion das problematisierende Denken in seiner ganzen Hilflosigkeit: Es vermag die Möglichkeiten durchzuspielen, aber keine endgültige Lösung zu finden. Als Fazit bleibt: Auch bei seiner größten Anstrengung kann der Mensch sich nur vornehmen, den Schmerz der Welt mengenmäßig zu vermindern.’ Anders gesagt: Die Ethik stellt eine Aufgabe, von der, mit Kierkegaard gesprochen, der Schüler nicht dispensiert werden kann, auch wenn diese Aufgabe ihn überfordert. Die Aufgabe besteht gar nicht einfach darin, die grundsätzliche Änderung der Welt zu propagieren, sondern eben, mit Camus gesprochen, soweit möglich, das faktische und konkrete Leiden zu mildern.“ Und zwar „insbesondere das Leiden, das sich die Menschen, diese schlecht konstruierten Wesen, selbst zufügen“.

Wahrscheinlich war es das, was die Tübinger Studenten so an ihm mochten: daß dieser Philosoph nicht aufhörte, die moderne Lebensproblematik samt den geschichtlichen Erfahrungen mit seinen philosophischen Fragestellungen zu verbinden. Allerdings hatte Walter Schulz da immer wenige Mitstreiter neben sich. In der „Ethik“ konstatiert er ganz unmißverständlich das doppelte Versagen der Geisteswissenschaften. Zum einen vermeide die heutige, narrativ vorgehende Geschichtswissenschaft eine „Ortsbestimmung der Gegenwart auf Grund der geschichtlichen Entwicklung“; die Frage, welche Spielräume uns verschlossen sind und welche Wege noch offenstehen, werde einfach „ausgeklammert“. Zum andern habe die Philosophie heute, im Zeitalter der Versachlichung und Verwissenschaftlichung, das Bewußtsein von der „Negativität“ des Menschen und seiner Lebenssituation verdrängt zugunsten einer bloßen „Oberflächenanalyse“, sei sie soziologischer, anthropologischer oder diskurstheoretischer Natur.

Walter Schulz dagegen erinnert daran, „daß nur der Blick auf die Tiefenstruktur des Menschen die Chance eröffnet, die Realität des Menschen, ‚wie er wirklich ist‘, zu begreifen, und dies ist die Grundlage aller Ethik, vor allem der Ethik, die in Bezug zur Politik wirksam werden will“.

Der Begriff der „Tiefenstruktur“ meint eben jene Subjektivität des Menschen, wie sie in ihrer ganzen problematischen Zweideutigkeit auch Gegenstand des jüngsten Buches von Walter Schulz ist: „Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter“.

Was mag es für ein Gefühl sein, das „wahrscheinlich letzte Buch“ seines Lebens mit Nachdenken über den Tod zu füllen? Walter Schulz hat das zu seinem 80. Geburtstag getan. Wieder geht er den „großen Fragen“ nach, die die Philosophie heute nicht mehr zu beschäftigen scheinen. „Subjektivität und Zeit“, „Subjektivität und Tod“ sind die ersten beiden Teile seines Buches überschrieben.

Schon für sein Hauptwerk „Philosophie in der veränderten Welt“ (1972) hatte Schulz geplant, zuletzt am Beispiel des Todesproblems zu zeigen, „wie sich der Verlust der metaphysischen Einstellung im Selbstverständnis des gegenwärtigen Menschen auswirkt“. Dieser Teil sollte den Titel „Vergleichgültigung“ tragen, wurde dann aber als „nicht recht gelungen“ weggelassen.

1979 dann, in seinem „Lieblingsbuch“ „Ich und Welt“, einer „Philosophie der Subjektivität“, rückt das Problem an zentrale Stelle. Schulz zeigt hier, wie der Tod eine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt notwendig macht. Der Tod ist die absolute Trennung von Ich und Welt. Ohne Körper existiert auch mein „Ich“ nicht mehr. Im Tod steht das Ich „im Ganzen auf dem Spiel“.

In seiner herausragenden, noch gänzlich unbeachteten Geschichte der Ästhetik, der „Metaphysik des Schwebens“ (1985), leistet Schulz, was Kunst- und Literaturwissenschaften heute nur noch in Ausnahmen und wenn, dann sehr partiell zustandebringen: Er sieht Zusammenhänge und zieht die großen Linien. Der „Exkurs zur Wandlung der Todesdarstellung im Roman“ etwa zeigt, welche „mehrfache Verschiebung“ und „Umorientierung der Stimmung“ in der Literatur mit dem Brüchigwerden der Metaphysik einhergeht. Die russischen Realisten Ende des 19. Jahrhunderts gehen den Tod noch „vom Prinzip der Innerlichkeit her“ an. Ganz anders dagegen die deutsche Literatur dieses Jahrhunderts, die den Tod nurmehr von außen, als reines Körpergeschehen und Verfall des Ichs konstatiert.

In seinem jüngsten Buch verbindet er beide Annäherungen an das Todesproblem miteinander, die streng philosophische und die ästhetische, fragt noch eingehender, formuliert noch genauer im Bemühen, einen Schritt weiter zu kommen, und macht zuletzt doch vor demselben Paradox halt, über das denkerisch kein Schritt hinausführt: Der Tod „stellt uns in Frage, ohne eine Antwort zu vermitteln“.

Dieser Teil der „Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter“ liest sich wie eine letzte große Summe. Manche sehen in Walter Schulz einen „verkappten Metaphysiker“. Ich würde ihn in direkter Nachfolge von Karl Jaspers den letzten Existenzphilosophen unseres Jahrhunderts nennen.

Bei einem Gespräch in seinem Haus in Tübingen sagte Schulz: „Ich würde jetzt über den Tod nicht mehr so deutlich reden wie noch in dem Buch, weil ich selber zu nahe dran bin.“ Aber er staunt doch über seine eigene Zunft: „Diese Phänomene wie der Tod bedrücken und beschäftigen einen jeden, aber es ist sozusagen nicht mehr comme il faut, das noch zu bereden.“

Demgegenüber beweist sein Kapitel über den Tod, daß, selbst wenn der metaphysische Bezug verlorenging, der Tod das Denken dennoch weiter bestimmt und bestimmen muß. Und dann bleibt die Frage, in welcher Weise? „Unter Umständen in der Weise eines Distance-Bewußtseins“, erwidert Schulz. Und es bleibt die Idee der Freiheit: Das Losgelöstsein von allem Weltlichen ist doch auch in nachmetaphysischer Zeit noch ein in das Leben hineingreifender Gesichtspunkt. „Auch wenn man keine Lösung hat“, beharrt Schulz, „darf man nicht so tun, als ob diese Dinge alle erledigt und nicht mehr nachdenkenswert seien. Das würde ich vielen gegenwärtigen philosophischen Strömungen negativ anrechnen.“

Das Wohnzimmer, in dem wir sitzen, wirkt kaum noch bewohnt. Walter Schulz’ Frau, die Philosophin Ruth-Eva Seitz, hat das Haus vor Jahren verlassen und lebt jetzt wieder in Ostdeutschland. Die Wanduhr ist auf fünf nach eins stehengeblieben. Die Türe kreischt in den Angeln. Doch unten im Arbeitszimmer, zwischen dem Portrait von Schopenhauer zur Rechten und von Descartes zur Linken, mit dem Blick über die Gartenwildnis auf den weiten Alprand hinaus, entsteht gerade eine Kritik der Postmoderne. Er „mag diese Franzosen nicht“, sagt Schulz und sucht schon im vorliegenden Buch Nietzsche vor der Vereinnahmung durch die französischen Postmodernen zu retten. Sie wollen Nietzsche als Kronzeugen für die Abkehr von der traditionellen systematischen Philosophie ansetzen. „Verständlich“, kommentiert Schulz, „denn wenn das Identitätsprinzip liquidiert werden soll, das Selbst sich immer als ein Anderes zeigt, und die Welt zum Fabelstück wird, dann hat jede Ethik, die das Verhalten des Menschen auf Begriffe bringen und sogar von Leitlinien her ausrichten will, ausgespielt.“

Und noch in einer anderen Hinsicht wird Schulz in der „Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter“ deutlicher und schärfer, als er es in der „Philosophie in der veränderten Welt“ 1972 je war: da nämlich, wo er über die „entfremdete Welt und die Medienkultur“ schreibt.

„In den Medien ist, wenn Sie so wollen, diese ganze Tendenz zur Oberflächenkultur heute maßgebend“, konstatiert Schulz. Was wäre dem entgegenzuhalten? „Grundsätzlich ziehe ich mich immer stärker auf den einzelnen zurück, obwohl auch das unzeitgemäß ist. Daß der moralische Appell aber nicht durchschlägt, wenn man die Negativitäten der menschlichen Situation nicht ernstnimmt, ist mir völlig klar: Der einzelne muß versuchen, für sich und, soweit er kann, diesen Fragen nachzugehen, sich das Negative bis in die letzten Hintergründe des Bösen und der Destruktion klarzumachen und andererseits den Gedanken der Verantwortung herauszustellen, ohne daß er absolut auf Hoffnung setzen kann.“

Aber macht sich der einzelne damit nicht zwangsläufig zu einer Randfigur? „Was soll er denn sonst machen?“ entgegnet Schulz. „Man kann natürlich versuchen, zu wirken und öffentlich Stellung zu nehmen. Und in gewisser Weise tue ich das.“ Ja, und „in gewisser Weise“ hat er damit einen Weg gewiesen.

  • Walter Schulz:

Subjektivität im nachmetaphysischen Zeitalter

Aufsätze; Verlag Günther Neske, Pfullingen 1992; 380 S., 82,– DM