Das, was ich mache, nenne ich ein Ensemble“, schrieb Anna Oppermann und nannte diese Ensembles „Hausfrau sein“, „Frauen wie Angel“, „Künstler sein“ oder „Umarmungen, Unerklärliches und eine Gedichtzeile von R.M.R.“. Das letztere bildeten wir in unserer von Hanne Darboven und Anna Oppermann künstlerisch bestimmten Feuilleton-Weinachtsausgabe des Jahres 1988 ab.

Ensembles von Anna Oppermann: das sind vor einer Wand oder, besser, in der Ecke eines Raumes plazierte „Nachdenklandschaften“, wie Günter Metken einmal sagte. Und das in einem doppelten Sinn: Sie sind das Ergebnis von Phantasie und Denken; und sie machen den, der sich hier einläßt, nachdenklich.

Zu sehen ist da zunächst nur das Chaos: der eine oder andere Gegenstand, dann Photos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Selbstgeschriebenes, Abgeschriebenes, Bilder, Zettel, Photos von den Zeichnungen, noch mehr Zettel, ein Bild von dem Ganzen zwischen neuen Photos. Ein Chaos, eine verzettelte Welt, durch die der geduldige Blick erst allmählich Sichtschneisen und Denkpfade legt. Ensembles mit ungewöhnlichen Datierungen: seit 1971; seit 1977; seit 1977/78. Hinweis auf das ständige, wuchernde, unaufhaltsame Wachstum dieser Arbeiten. Auf all diesen Ensembles steht jetzt auch ein zweites Datum: der 8. März, an dem Anna Oppermann im 53. Lebensjahr an einem Krebsleiden gestorben ist. Mit ihrem Tod ist auch das Wachstum ihrer Kunstwerke zur Ruhe gekommen, aber nicht ihr Überleben gestorben. In der Hamburger Kunsthalle richtete Uwe M. Schneede vor einem Jahr einen Raum mit zwei Ensembles ein. Hier sind sie festgehalten für die Ewigkeit des Museums.

Anna Oppermann, die sich mit Turban, überlangen Wimpern und einer rauchigen Stimme auch gern ein wenig märchenvamphaft gab, spielte die erwachsen gewordene Alice im Wunderland: Tief ließ sie sich in die Bodenlosigkeit der phantastischen Assoziationen fallen und begab sich, solchermaßen über- und unterirdisch, auf geheimnisvolle Pfade und Gänge. Aber, und das war der Fluch und die Gabe des Erwachsenseins, des Künstlerseins: Was sie entdeckte auf ihren Zetteljagden, waren keine Märchen-Monster, sondern die Banalitäten und Brutalitäten von heute, die Sprüche und Widersprüche des Alltags. Petra Kipphoff