Anfang dieses Jahres wurden viele Goldanleger unruhig. Seit Jahren fällt der Goldpreis, und nun schockierte die Niederländische Notenbank auch noch mit der Nachricht, sie habe im vergangenen Jahr 400 Tonnen des Edelmetalls aus ihrem Reservebestand verkauft. Schnell wurde zudem ruchbar, daß 1992 auch die Belgier und Kanadier ihren Goldschatz spürbar dezimiert haben. Alles in allem werden die Verkäufe von Notenbanken im vergangenen Jahr auf etwa 800 Tonnen geschätzt. Wenn die Notenbanken sich von ihren Goldreserven trennen, folgerte beispielsweise die britische Zeitschrift Economist, sei die Botschaft für Privatanleger eindeutig: verkaufen. Die Frage dabei ist nur: Schmelzen die Notenbanken ihren Goldschatz wirklich ein?

Tatsächlich hat das Gold in den Tresoren der Notenbanken seine historischen Funktionen längst eingebüßt. Schon 1971 haben die Vereinigten Staaten die Konvertierbarkeit von US-Dollar in Gold abgeschafft. Im Jahre 1978 wurden ferner die Statuten des Internationalen Währungsfonds (IWF) in einer Weise geändert, daß die IWF-Mitgliedsländer ihre Währungen nicht länger in Goldparitäten ausdrückten. Damit war die offizielle Rolle des begehrten Metalls als Wertmaßstab beendet. Doch obwohl die Goldbarren nicht mehr als offizielles Zahlungsmittel gelten, haben nur wenige Notenbanken ihre Bestände spürbar abgebaut. Allenfalls die relative Bedeutung des Goldes als Medium der Reservehaltung nahm seither ab, was aber allein dem starken Anstieg der Devisenreserven zuzuschreiben ist.

Insgesamt ruhen in den Notenbanktresoren derzeit rund 35 000 Tonnen Gold zum aktuellen Gegenwert von 370 Milliarden US-Dollar. Kritiker werfen den Notenbanken vor, sie verwalteten damit totes Kapital, ja sie verschleuderten volkswirtschaftliche Ressourcen. Tatsächlich hat Gold seit 1980, als Spekulanten den Unzenpreis auf über 800 US-Dollar hochtrieben, ständig nur an Wert verloren; überdies bringt der Goldschatz keine Zinsen ein. Unterstellt man auch nur eine bescheidene Verzinsung von sechs Prozent, so müßte eine vor zehn Jahren für 459 Dollar gekaufte Unze Gold heute 823 Dollar wert sein. Tatsächlich aber liegt der Marktpreis heute unter 330 Dollar. Oder anders gerechnet: Der Verzicht auf eine Verzinsung der in Gold gebundenen Reserven der Schweizer Notenbank kostet die Schweizer Steuerzahler rund 550 US-Dollar pro Kopf und Jahr. Würde die Deutsche Bundesbank ihre knapp 3000 Tonnen Gold zu Marktpreisen verkaufen und den Erlös zu sechs Prozent anlegen, so könnte sie damit immerhin rund 1,9 Milliarden Mark jährlich an Zinsen verdienen.

Gerade in Zeiten wachsender staatlicher Defizite steigt der Druck der Regierungen auf die Notenbanken, ihre Goldbestände zu barer Münze zu machen. Auch in Deutschland tauchen immer wieder entsprechende Stimmen auf. So fordert der SPD-Politiker Herbert Ehrenberg seit Jahren die Bundesbank auf, den deutschen Goldschatz zu verkaufen und den Erlös zur Finanzierung der Kosten der deutschen Vereinigung zu verwenden. Die Antwort der Bundesbank darauf müßte jedoch lauten: Die Einschleusung der Golderlöse in den Geldkreislauf würde die Geldmenge in unverantwortbarer Weise erhöhen und die Inflation anheizen.

Selbst in Belgien, das – bezogen auf die Wirtschaftskraft des Landes – einen noch viel höheren öffentlichen Schuldenberg angehäuft hat als das vereinte Deutschland, wurde der Erlös aus dem Verkauf von 202 Tonnen des vergangenen Jahres und einer kleineren Menge im Jahre 1989 nicht zur Defizitfinanzierung benutzt. Statt dessen wurden die Erlöse zinsbringend investiert, und nur ein Teil der Zinseinnahmen kommt dem belgischen Finanzminister zugute. Für einen Teil der Golderlöse und der daraus erzielten Zinseinnahmen wurde eine gesonderte, nicht zur Auszahlung bestimmte Reserve angelegt, um die Geldmenge nicht zu stark aufzublähen.

Bei ihren Goldverkäufen haben die Notenbanken im vergangenen Jahr auch darauf geachtet, daß dadurch der Marktpreis des Edelmetalls nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Marktbeobachter haben die Tatsache, daß der Goldpreis trotz der Notenbankverkäufe nicht in die Knie ging, als positives Signal für die künftige Goldpreisentwicklung umgedeutet. Tatsächlich dürfte dieser Umstand eher der sorgfältigen und diskreten Suche nach geeigneten Käufern zuzuschreiben sein. Immerhin haben die staatlichen Verwalter der Goldreserven selbst ein lebhaftes Interesse an stabilen Marktverhältnissen, die sie nicht leichtfertig durch marktschreierisches Verscherbeln aufs Spiel setzen.

Für die wichtigsten Halter von Goldreserven kommt jedoch ein Verkauf ohnehin nicht in Betracht. Denn in Ländern mit langfristig eher aufwertungsverdächtigen Währungen zählt der Goldschatz zu den stabilsten Währungsreserven. So bewertet beispielsweise die Deutsche Bundesbank ihre 95 Millionen Goldunzen mit den durchschnittlichen Anschaffungskosten, die ihr seit 1951 entstanden sind: 144 Mark je Unze. Nach zwingenden handelsrechtlichen Vorschriften stellen die Anschaffungskosten die Obergrenze der Bewertung dar. Eine Änderung der Bewertung käme nur dann in Betracht, wenn der Marktpreis des Goldes unter diesen Betrag fällt. Das war jedoch in den vergangenen Jahrzehnten nicht der Fall – und scheint auch in der absehbaren Zukunft äußerst unwahrscheinlich. Auf andere Reserveaktiva dagegen mußte die Bundesbank in der Vergangenheit wegen ihrer ständigen Wertverluste gegenüber der D-Mark hohe Abschreibungen zu Lasten ihres Gewinns vornehmen. Ähnliches dürfte für die Schweiz und für diejenigen Länder gelten, die den Wechselkurs ihrer Währung fest an die Mark gekoppelt haben. Die Gefahr eines Ausverkaufs des Notenbankgoldes dürfte von dieser Seite her also nicht drohen. Und neben den Vereinigten Staaten gebieten diese Länder über den Löwenanteil der weltweiten Goldreserven.

Die Goldanleger sollten sich daher nicht ins Bockshorn jagen lassen. Die Kurse der Goldminenaktien haben seit Jahresbeginn drastische Gewinnsprünge von fast fünfzig Prozent vollführt. Und das deutet nun wirklich eher auf einen steigenden Goldpreis hin als auf einen drohenden Zusammenbruch des Marktes. Solidus