Von Ludwig Siegele

Paris

Der ältere Herr im kleinen Zeitungsladen an der rue Descartes frohlockt: „Endlich wieder ein Franzose, auf den man richtig stolz sein kann.“ – „Dagegen war Mitterrands Stippvisite in Sarajevo im Juni nur ein Witz“, sagt die junge Frau in der Bäckerei um die Ecke. Und der zerzauste Clochard auf der nahen Place de la Contrescarpe amüsiert sich: „Morillon for president.“

Kein Zweifel, Frankreich hat einen neuen Helden: General Philippe Morillon, den Oberkommandierenden der UN-Schutztruppe (Unprofor) in Bosnien-Herzegowina. Dienstag verbrachte er seine fünfte Nacht in der ostbosnischen Stadt Srebrenica – um die Sicherheit der Bevölkerung in der muslimischen Enklave zu garantieren, die seit mehreren Monaten von serbischen Soldaten angegriffen wird.

Die Franzosen erlebten das Drama live mit. Gleich auf beiden großen Fernsehkanälen meldete sich Morillon mehrmals zu Wort, um mit blechern-verzerrter Stimme per Funk die Lage in dem seit elf Monaten belagerten Ort zu schildern: „Ich halte mein Wort, denn ich habe nur eines“, versicherte der 57jährige Soldat, der mit seinem weichen Gesicht und seinem weißen Haar eher aussieht wie ein Arzt als ein General.

Die Aktion scheint den französischen Politikern gerade recht zu kommen. Noch nie war ein Wahlkampf in der Fünften Republik so langweilig: Niemand zweifelt daran, daß die konservativen Parteien am nächsten Sonntag haushoch siegen werden (siehe auch Seite 14). Jedenfalls beeilte sich die politische Klasse fast einstimmig, Morillon zu loben. Premier- und seit kurzem auch Verteidigungsminister Pierre Bérégovoy war „sehr stolz“. „Hut ab“, meinte auch Alain Juppé, Generalsekretär der neogaullistischen RPR.

Das Lob hat Philippe Morillon auch verdient. Indem er in der muslimischen Enklave verharrt, macht er sich zum menschlichen Schutzschild für rund 80 000 Bewohner und Flüchtlinge, die seit Monaten kein Hilfsgüterkonvoi mehr erreicht hat. „Mir war klar“, erklärte der General am vorigen Sonntag mit ruhiger Stimme, „daß in Srebrenica eine Tragödie droht. Ich bin dort aus freien Stücken hingegangen und habe mich entschieden, dort zu bleiben.“