Von Dietmar H. Lamparter

Geschichten über amerikanische Tellerwäscherkarrieren finden auch in Deutschland reißenden Absatz. Jetzt liegt eine lesenswerte Autobiographie eines deutschen Selfmademans vor. "Das "Profit-Programm" nannte der Hamburger Industrielle Kurt A. Körber sein letztes Werk, das kurz nach seinem Tod im August vergangenen Jahres erschien.

Körbers Erfahrungen sind so richtig für die heutigen Umbruchzeiten gemacht. Er begann 1946 in Hamburg-Bergedorf nur mit einem Rucksack voller Konstruktionspläne als Startkapital und einer öffentlichen Telephonzelle als Büro – 1992 hinterließ er mit der Körber AG einen gewinnträchtigen Maschinenbaukonzern mit rund 1,5 Milliarden Mark Umsatz und 7000 Arbeitsplätzen. Daß sein Name weniger bekannt ist als etwa der eines Heinz Nixdorf oder eines Max Grundig, liegt am Produkt: Seine Zigarettenmaschinen bekommen auch die Raucher nie zu Gesicht.

Kurt A. Körber, 1909 in Berlin geboren, war ein Mann mit vielen Talenten. Er war Erfinder, Künstler und Unternehmer mit einem ausgesprochenen Gespür für gesellschaftliche Verantwortung. Für seine wichtigste unternehmerische Begabung hielt er sein untrügliches Gespür für Marktlücken. Als fünfzehnjähriger Schüler in Chemnitz konstruierte und baute er Radioapparate und verkaufte sie in der Nachbarschaft. Das Geschäft lief so gut, daß er zwei pensionierte Bahnbeamte zur Serienproduktion einstellte. Ebenfalls mit Fünfzehn hatte er bereits sein erstes Patent in der Tasche: eine automatische Radio-Ableseskala. Nach seinem Ingenieurstudium verschaffte er sich mitten in der Wirtschaftskrise mit einem Trick einen Job im Siemens-Konstruktionsbüro in Berlin. Um überhaupt zum Personalchef vorgelassen zu werden, schmuggelte er sich als Siemens-Arbeiter verkleidet mit getürktem Dienstausweis am Pförtner vorbei.

Doch den Grundstein für sein späteres Lebenswerk legte der junge Ingenieur im Jahr 1935 mit dem Wechsel zur Maschinenfabrik Universelle in Dresden, die vor allem Produktionsanlagen für die Zigarettenindustrie herstellte. Schnell stieg er in die Spitze des Unternehmens auf.

Nachdem die Fabrik im Zweiten Weltkrieg zerbombt worden war, versuchte er zunächst den Neuaufbau in der sowjetischen Besatzungszone. Doch die Verstaatlichungswelle trieb Körber in den Westen – nach Hamburg. Dort nämlich hatten die Großen der Tabakindustrie wie Reemtsma oder BAT ihren Sitz. Da die Deutschen damals ihren Tabak notgedrungen im Gemüsegarten selbst anpflanzten, begann Körber zunächst mit der Herstellung von Tabakschneidemaschinen in einem Kellerlabor im Hamburger Vorort Bergedorf – der Grundstein für die Hauni-Werke (kurz für: Hanseatische Universelle) war gelegt. Die erwirtschafteten Gewinne wurden gleich wieder in neue Maschinen investiert.

So konnten Körber und seine Mitarbeiter – schon nach knapp drei Jahren waren es 400 – mit Hilfe der aus Dresden mitgebrachten Konstruktionsunterlagen in die Produktion von Zigarettenverpackungsmaschinen einsteigen. Dabei zahlte sich aus, daß Körber auch in den schwierigen Jahren guten Kontakt mit seinen Abnehmern aus der Zigarettenindustrie gehalten hatte. Bereits 1949 schaffte er es sogar als erster deutscher Unternehmer nach dem Krieg, ein Tochterunternehmen in den Vereinigten Staaten zu gründen. Der große Coup gelang ihm jedoch mit der Konstruktion der ersten Maschine zur Herstellung von Filterzigaretten. Obwohl ihm die Bosse der großen Zigarettenkonzerne wie Reemtsma in Deutschland oder Philip Morris in den Vereinigten Staaten dringend davon abrieten ("die Leute wollen den Tabak pur schmecken"), verriet ihm sein Instinkt für kommende Trends, daß sich die teuren Investitionen rechnen würden. Als dann Mitte der fünfziger Jahre die ersten Meldungen über die Schädlichkeit des Rauchens auftauchten, wurde Körbers neue Maschine schlagartig zum Renner. Heute werden Filterzigaretten weltweit zu neunzig Prozent auf Hauni-Anlagen produziert. Zum Körberschen Firmenimperium, das mittlerweile unter dem Dach der Körber AG zusammengeführt ist, gehören heute eine ganze Reihe von Maschinenfabriken, die ein breites Spektrum – von der Werkzeugmaschine bis zur Getränkeabfüllanlage – herstellen. Die Diversifikation war Teil der Vorsorge, denn Körber wußte sehr wohl, daß die zunehmende Gesundheitswelle der Tabakbranche früher oder später Probleme bereiten werde. Noch ist es allerdings nicht soweit. Die Öffnung Osteuropas brachte gar neue Rauchermärkte hinzu. Das Jahr 1992 dürfte gar das bisher beste Jahr der Körber AG gewesen sein.