Von Willi Jasper

Auferstanden aus Ruinen... lautete das Motto der letzten "Frankfurter Historik-Vorlesungen", die sich mit dem Sanierungs- beziehungsweise Re-Etablierungsprozeß der Wissenschaften in Deutschland nach dem Nationalsozialismus beschäftigten. Hatten sich Äußerungen zum Thema bisher an den historischen Einschnitten 1933 und 1945 orientiert, erzwangen die Zeitläufte nun eine Aktualisierung des Programms. Die deutsche Ruinengeschichte hat ein neues symbolisches Datum: den 9. November 1989. Dieses Datum überlagert die unbewältigte Remigrationsgeschichte. Nicht mehr der Streit über geglückte oder mißlungene "Entnazifizierungs-" oder "Umerziehungsprogramme" in West und Ost erregen heute die Gemüter, sondern das aktuelle Problem der "Abwicklung".

Auch die Herausgeber der Frankfurter Historik-Referate werden in ihrer Vorbemerkung zum Sammelband vor allem von der selbstquälerischen Frage bewegt: "Worin liegt die moralische und die historische Legitimation der westlichen Wissenschaft, die Kolleginnen und Kollegen ‚von drüben‘ auf den rechten Weg führen zu wollen?" Sind die überlegene Wirtschaftsmacht der alten Bundesrepublik nebst Wissenschaftsrat und Arbeitsstab an die Stelle der alliierten Siegermächte und ihrer Universitäts-Offiziere getreten? Auf dem Historiker-Tag in Hannover diskutierte man mit großem Unbehagen das Beispiel der "Forschungsgruppe Stasi-Akten". Wie kann ein Teil der Gauck-Behörde, die an die Weisungen des Innenministeriums gebunden ist, sich in der Öffentlichkeit als autonome "wissenschaftliche Einrichtung" darstellen? Besteht hier nicht die Gefahr, daß – bevor das eigentliche Nachdenken über die politischen Verstrickungen einsetzen kann – wieder nur nach alten Bewältigungsmustern vorschnell gehandelt wird?

Auch die Rituale scheinen bekannten Mustern zu folgen. Der feierliche Semesterbeginn in der altehrwürdigen Alma mater von Leipzig mit einer Gedenkveranstaltung für diejenigen, "denen politisch motiviertes Unrecht" geschehen sei, erinnerte in fataler Weise an die formelhaften Lippenbekenntnisse, wie wir sie aus Feierstunden "zu Ehren" der Geschwister Scholl an westlichen Hochschulen kennen.

Die Umbrüche von 1945 und 1989 sind nicht einfach vergleichbar, NS-Faschismus und SED-Regime nicht dasselbe. Allerdings gibt es Parallelen. In beiden totalitären Systemen war die Legitimierung durch Wissenschaft geschätzt, obwohl die "Wissenschaftlichkeit" in den Basisideologien eine sehr unterschiedliche Rolle spielte. Beide Diktaturen waren auf die Mittäterschaft der akademischen Institutionen der Intelligenz angewiesen, beide versprachen Privilegien. Der gravierende Unterschied: 1989 traten die berüchtigten "Seilschaften" zwar ähnlich wie 1945 in Aktion, doch knüpfte die Nachkriegswissenschaft im Westen ganz unmittelbar an die ungebrochene Tradition des alten elitären Universitätsbetriebes an, während im Osten zunächst neue Rekrutierungs-, Ausbildungs- und Hochschulstrukturen entstanden.

Auch wenn das Hauptanliegen der Herausgeber des Sammelbandes der Versuch eines aktuellen "interdisziplinären Ost-West-Dialogs" ist, zwingen die einzelnen Beiträge den Leser doch zu einer historischen Auseinandersetzung mit der Remigrationsproblematik. Da die fünfzehn Autoren sich bis auf den Sonderfall der Rechtswissenschaft ausschließlich mit Geistes- und Kulturwissenschaften befassen, gestaltet sich das Zählen und Messen von Quantitäten schwierig.

Als Fazit bleibt haften: Während das Wissenschaftsexil als Exil auf die Nachkriegsentwicklung im Westen kaum Einfluß gewinnen konnte und auch nicht imstande war, das geistige Klima in Konkurrenz zur "Amerikanisierung" und zur "Verdrängung" nachhaltig zu beeinflussen, bestimmten im Osten unter sowjetischer Kuratel zwar die Remigranten den wissenschaftlichen Neuanfang, auf einen pluralistischen Kosmos wurde aber kaum Wert gelegt. Jene "Kodifizierung des Schreckens" unter dem roten Stern gefährdete bald alle Wissenschaftsströmungen, die nicht ins Sowjetisierungskonzept paßten. Allein die Psychologen stellten nach 1989 erleichtert in West und Ost fest, "daß die Unterschiede tatsächlich weitaus geringer ausfielen", als man befürchtet hatte..