Von Michael Thumann

Zagreb

Im Kaffeehaus sind alle Plätze besetzt. Draußen vor der Tür stehen deutsche Luxuslimousinen, Passanten flanieren an vollen Schaufenstern vorbei. Ist es Wien? Mailand? München?

Die kroatischen Aufsteiger mimen den Westen. Sie plaudern im Garten des Café Bonn, so getauft nach dem Geburtshelfer des unabhängigen Kroatien; sie schlürfen Cappuccino vor Habsburger Häuserkulissen. Eine von einer Granate zerborstene Eiche erinnert an den Krieg. Den haben sie nicht gewollt, aber sie verdienen an ihm. Sie sind die Kriegsgewinnler.

Die Kriegsverlierer kommen selten ins Zagreber Stadtzentrum. Sie wohnen in den Vorstädten und Dörfern: Verarmte, Vertriebene, vergewaltigte Frauen. Sie kommen aus Slawonien, aus der Krajina, aus Bosnien; sie sind dem Krieg und den Lagern entkommen, jetzt leben sie in einem Flüchtlingslager. Industrogradija Zaprudje ist eines von ihnen. Zu sechst haust eine Familie in einem Zwölfquadratmeterzimmer. Fleisch und Käse kühlen sie in einer Plastiktüte am Fenster. Für tausend Flüchtlinge gibt es nur sechs Duschen. Derzeit sind Windeln knapp, Bilderbücher für die Kinder eine Offenbarung.

"Der Westen muß endlich etwas tun! Statt mit Milošević zu verhandeln, sollten sie ihn lieber kaltmachen!" Ein kroatischer Flüchtling verdammt den serbischen Präsidenten. Nicht weit von Industrogradija Zaprudje ist die Front. Manchmal hört man die Kanonen. Fast ganz Kroatien ist Grenzmark – auf der Karte sieht das Land wie ein zerfleddertes Handtuch aus.

Der Krieg hat diesen einst wohlhabenden Teil Jugoslawiens in ein tiefe Krise gestürzt. 700 000 Flüchtlinge kosten monatlich achtzig Millionen Mark. Die Arbeitslosigkeit wächst. Der Geldwert fällt. Der lappige Dinar wird ununterbrochen gedruckt. Streiks häufen sich wie die Staatsschulden. Das Land ist teuer, und seine Bürger verdienen wenig. Viele verhökern Bücher und Familienschmuck, manche bieten sich selbst an: Die Prostitution boomt. Die Kroaten haben den Frieden und ihren bescheidenen Wohlstand verloren – und Kroatien gewonnen.