Im Völkischen Beobachter war am 21. März 1933 eine kleine Meldung zu lesen: "Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen für 5000 Menschen errichtet werden. Hier werden die gesamten kommunistischen und, soweit dies notwendig ist, Reichsbanner- und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen, da es auf die Dauer nicht möglich ist und den Staatsapparat zu sehr belastet, diese Funktionäre in den Gerichtsgefängnissen unterzubringen. Es hat sich gezeigt, daß es nicht angängig ist, diese Leute in Freiheit zu lassen, da sie weiter hetzen und Unruhe stiften. Im Interesse der Sicherheit des Staates müssen wir diese Maßnahme treffen ohne Rücksicht auf kleinliche Bedenken. Polizei und Innenministerium sind überzeugt, daß sie damit zur Beruhigung der gesamten nationalen Bevölkerung und in ihrem Sinne handeln " Wie viele Menschen wohl damals die Nachricht gelesen haben? Die ganze Nation hörte an diesem Tag Radio, um nichts von einer erhebenden Feier in Potsdam zu versäumen, über die ununterbrochen - Reichsjugendführer Baidur von Schirach spielte den Reporter - berichtet wurde; der greise Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und der junge Reichskanzler Adolf Hitler eröffneten Seite an Seite in der traditionsbeladenen Potsdamer Garnisonskirche, in der die Gebeine Friedrichs des Großen und seines Vaters, des Soldatenkönigs, ruhten, den neuen Reichstag.

Der "Tag von Potsdam" war eine Inszenierung des frischgebackenen Reichspropagandaministers Joseph Goebbels. Die Deutschen sollten zum ersten Mal, so heißt es in seinem Tagebuch, einen Staatsakt "im Stil nationalsozialistischer Formgebung" erleben. Ungewöhnlich genug, daß ausgerechnet die Nationalsozialisten, die das Parlament als Zentrum der Demokratie stets verhöhnt hatten, den Reichstag nun zum Gegenstand einer spektakulären Feier machten.

Aber die Reichstagswahl am 5. März 1933 hatte trotz Terrors und Einschüchterung der demokratischen Parteien nicht das von den Nationalsozialisten erwartete und erwünschte Ergebnis gebracht: Die absolute Mehrheit wurde, wenn auch bei enormer Stimmensteigerung von 33 1 auf 43 9 Prozent, verfehlt. Wollten sie den legalen Schein wahren, blieben sie auf das Bündnis mit den konservativen Deutschnationalen (DNVP) angewiesen. Dies um so mehr, als der Reichspräsident, dem die DNVP nahestand, immer noch die Möglichkeit gehabt hätte, Hitler zu entlassen. So hatten die neuen braunen Herren durchaus Grund, bei der Reichstagseröffnung das Bündnis mit den konservativen Eliten, das sie am 30. Januar 1933 an die Macht gebracht hatte, noch einmal in einem feierlichen Akt zu beschwören.

Gleichzeitig sollten die Deutschen aber wissen, daß dieser Reichstag im neuen Staat ganz anders sein würde als die verhaßte "Weimarer Schwatzbude". Um welche Symbolik es der nationalsozialistischen Propaganda ging, war auch ausländischen Beobachtern wie dem französischen Botschafter in Berlin, Andre Francois Poncet, sofort augenfällig: "Das nationalsozialistische Deutschland wird mit dem Geist von Weimar - Weimar, die Antithese von Potsdam - brechen, mit jener Republik der Niederlage, der Erniedrigung, des Elends, der Unordnung, und wird, diese unglückselige Zeit vergessend, an Vergangenes anknüpfen, an eine Vergangenheit, die ohne Makel war " Goebbels hatte den feierlichen Akt in der Garnisonskirche, die noch niemals Schauplatz einer Parlamentseröffnung war - welch glücklicher Zufall, daß der Reichstag gerade Opfer eines Brandanschlags geworden war , minutiös geplant: "Bei solchen großen Staatsfeiern kommt es auf die kleinsten Kleinigkeiten an " Potsdam war dann auch entsprechend für den großen Tag hergerichtet. Die Journalistin Bella Fromm notierte in ihr Tagebuch: "Schwarzweißrote Fahnen neben der Hakenkreuzflagge. Blumen, Ranken und Spruchbänder schmückten die Straßen. Man hätte denken können, ein siegreicher Heerführer sollte jubelnd willkommen geheißen werden "

Hunderttausende sind auf den Straßen, als Reichspräsident von Hindenburg vor der Potsdamer Nikolaikirche vorfährt, in der ein protestantischer Gottesdienst für die Mitglieder der Reichsregierung und des Reichstags den Tag einleitet. Die Festpredigt hält Otto Dibelius wenige Monate später wird der Nationalkonservative, der sich auf die Seite der Bekennenden Kirche schlägt, schon zwangspensioniert sein. Die Predigt des Generalsuperintendenten - nach dem Zweiten Weltkrieg wird er Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland - hinterläßt zwiespältige Eindrücke, weil er die Gewalttaten der braunen Machthaber in erschreckender Weise rechtfertigt, gleichzeitig aber auch mahnende Worte an die Regierung richtet:

"Wenn der Staat seines Amtes waltet gegen die, die die Grundlagen der staatlichen Ordnung untergraben, gegen die vor allem, die mit ätzendem und gemeinem Wort die Ehe zerstören, den Glauben verächtlich machen, den Tod für das Vaterland begeifern - dann walte er seines Amtejs im Namen Gottes! Aber wir wären nicht wert, eine evangelische Kirche zu heißen, wenn wir nicht mit demselben Freimut, mit dem Luther es getan hat, hinzufügen wollten: Staatliches Amt darf sich nicht mit persönlicher Willkür vermengen!" Dem späteren nationalsozialistischen Kirchenminister und damaligen Präsidenten des Preußischen Landtags, Hanns Kerrl, ist die Predigt auf jeden Fall zu lasch: "Was soll denn dieses knochenweiche Gewimmer?"

Parallel zum Gottesdienst in St. Nikolai wird in der St -Peter und Paul Kirche eine Messe zelebriert, an der vor allem die Abgeordneten des Zentrums teilnehmen. Für die Naziführungsriege ist Heinrich Himmler anwesend, nicht aber Reichskanzler Adolf Hitler. Der getaufte Katholik hat es vorgezogen, gemeinsam mit Goebbels Gräber alter Kampfgefährten auf dem Luisenstädtischen Friedhof zu besuchen. Warum Hitler, der an diesem Tag ansonsten alles tut, um die konservativen Kräfte im Land in Sicherheit zu wiegen, die katholische Kirche brüskiert, macht eine amtliche Verlautbarung im Völkischen Beobachter tags darauf deutlich: