Und dann sprach der Herr des Deutschlandsenders-Kultur morgens um 6.15 Uhr mit Jesaja 11,6-9 vom kommenden messianischen Reich, wo da wohne der Wolf beim Lamm, der Panther liege beim Böcklein, Kalb und Löwe weideten zusammen, und der Säugling spiele vor dem Schlupfloch der Natter, und der Löwe fresse Stroh wie das Rind.

Noch sei, so predigte der Herr seinen vorwiegend ostdeutschen Hörern, dieses Friedensreich nicht ganz in die reale Wirklichkeit umgesetzt, daß aber "für manche Bevölkerungsschicht, beispielsweise für Rentner, die Verhältnisse gegenüber früher, also gegenüber der DDR, besser geworden sind", das gab der Herr Herr zu bedenken.

Noch geht der Loewe herum und verschlingt, was ihm in den Weg kommt, und sei es ein Wessi. Auch der Herr selber vertreibt die ostdeutschen Schafe aus dem Paradies. Denn der Herr – Dieter Stolte, der Intendant des ZDF und der Oberherr des Deutschlandsenders-Kultur –, er wohnt nicht bei den Lämmern, und in seinem Stall ist auch kein Sitzplatz für sie.

Im Oktober, als der ZDF-Intendant im Buchmessen-Studio des ZDF sein Traktat "Fernsehen am Wendepunkt" einem mit zahlreichen ZDF-Veteranen durchsetzten Lesepublikum vorstellte, ertönte plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher: "Darf ich vielleicht die Kollegen von DS-Kultur bitten, ihre Plätze zu räumen und sich in den Hinterraum zu begeben." Die ZDF-Stimme war ohne jeden Zweifel weisungsberechtigt. Denn DS-Kultur – der Deutschlandsender-Kultur – ist eine Anstalt, die der Fürsorge des ZDF unterstellt ist.

Bevor die Mitarbeiter von DS-Kultur zu Befehlsempfängern der Mainzer Anstalt herabgestuft wurden, war dieser Sender die letzte authentische Stimme der Ostdeutschen im Prozeß ihres Anschlusses an Westdeutschland. Der Deutsche Fernsehfunk aus Ostberlin war schon zur Jahreswende 1991/92 weggeräumt worden. Dessen staatsfreies Intermezzo zwischen dem zusammengebrochenen zweiten und dem noch nicht durchmarschierten ersten deutschen Staat erregt heute schon – bevor seine kurze Geschichte niedergeschrieben ist – die Bewunderung der Publizistikwissenschaftler, die damals nicht wegguckten. Dieses hierarchielose Fernsehen war eine rundfunkpolitische Republik Schwarzenberg, wie Stefan Heym 1984 jenes staatsfreie, besatzungslose und basisdemokratische Idyll nannte, das nach der Befreiung 1945 vorübergehend zwischen westlicher und östlicher Besatzungsmacht entstand. Eine konkrete Utopie, die zwar "in der Auseinandersetzung mit den realen Verhältnissen" scheiterte, deren vorübergegangene Existenz aber die Erinnerung an eine Zukunft wachhält.

Davon hat Stolte auch nicht eine Ahnung erreicht. Vor einem Jahr, als ich mit ihm in Mainz über sein Patenkind DS-Kultur sprach, legte er den Offenbarungseid eines deutschen Fernsehintendanten ab. Der Chef der größten und mächtigsten deutschen TV-Anstalt hatte – so stellte sich heraus – nie gesehen, was sich seit 1989 im neu entstandenen Deutschen Fernsehfunk ereignete. Für ihn war der neue DFF nichts anderes als der alte Propagandaapparat der SED. Den kenne er, sagte er mir. Ja, den kannte er gut. Gab es früher mit dem DDR-Fernsehintendanten Adameck etwas zu besprechen, habe der geäußert, er müsse erst noch mit "dem Chef", also mit Honecker, sprechen.