Der Mann hat etwas von Asterix: den roten Schnurrl)art, die listigen Augen, den kämpferischen Geist. Allerdings befinden wir uns nicht im Jahr 50 vor Christus wie in der Comicserie. Dafür ist der Ort, wo Paul Andre Comte herkommt, genauso "von unbeugsamen Galliern bewohnt, die nicht aufhören, dem Eindringling Widerstand zu leisten", wie weiland das Dorf von Asterix und Obelix. Allein, der böse Feind, die Besatzer, sind hier nicht die Römer, sondern die Berner.

Vellerat zählt exakt siebzig Einwohner, ein Schulhaus, ein Gasthaus, eine Kirche, einen Zeitungsständer, mehrere behäbige Bauernhöfe und noch mehr Kühe. Aber das Nest nennt sich hochmütig "freie Gemeinde" und weist sich am Ortseingang aus als "Gemeinde Europas". Auf die eigentliche, rechtliche Zugehörigkeit, jene zum Schweizer Kanton Bern, deutet nichts. Dafür sorgt Asterix, pardon: Paul Andre Cpmte. Sechs Kinder, wenn keines krank ist, zählt Comtes Dorfschule. Da bleibt ihm viel Zeit für seinen "Befreiungskampf": als Bürgermeister von Vellerat und als Chef der südjurassischen Separatistenbewegung. Monsieur Comte unterrichtet auch Geschichte. Für bernisches Gehalt und mit bernischen Schulbüchern, aber gemäß jurassischem Lehrplan. Und seinen Schülern erzählt er schon das Nötige, da, wo "das vorgeschriebene Lehrbuch nicht zur Realität paßt".

Der zeitgeschichtliche Hintergrund von Comtes Ärger ist schnell erzählt: 1974 sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung des Nordjuras an der Urne dafür aus, einen eigenen Kanton zu gründen, und so ist es dann auch geschehen. Die Mehrheit im Südjura jedoch wollte beim Kanton Bern bleiben. Und dort sind sie auch geblieben. Doch nicht damals ist für Monsieur Comte der große Sündenfall passiert; nein, schon 1815 auf dem Wiener Kongreß ,als das ehemalige Gebiet des Eürstbistums Basel dem gierigen Berner Bären zugeschlagen wurde. Eigentlich, sagt Comte schließlich, müsse man ja tausend Jahre zurückgehen. Mindestens so alt sei nämlich die Geschichte des "jurassischen Volkes", das heute so grausam entzweigeschnitten sei. So redet er sich in Rage. Gleich neben der Kirche in Vellerat hängt an einem Anschlagbrett das Reglement über die Sonntagsruhe: "Alle Arbeiten sind verboten, abgesehen von der Versorgung der Haustiere und dringenden Tätigkeiten in der Landwirtschaft mit Erlaubnis der Polizei Am Sonntag wird gelesen. Gerne sehen sich die Jurassier als Volk der Poeten. Und Poeten haben ein langes Gedächtnis. Jahrhundertelang.

Die Kraft des Hügelvolkes aus den düsteren Tannenwäldern am Nordwestrand der Schweiz war allerdings zu später Stunde vor einem Glas Schnaps bislang stets größer als in der politischen Wirklichkeit. Ist Vellerat also bloß ein harmloser Floh im Pelz des Berner Bären? Nicht nach Comtes unheilverkündenden Worten: "Die Atmosphäre ist vergiftet. Die Eidgenossenschaft beraubt uns der demokratischen Ausdrucksmittel. Aber wir Bürger von Vellerat wollen überwechseln zum Kanton Jura. Wir müssen heim in unseren natürlichen, den französischen Kulturraum " (Nebensatz: "Schweizerdeutsch zu sprechen kommt einer körperlichen Behinderung gleich ") Wenn nicht rasch etwas geschehe, drohe eine Revolte "Wir müssen die Katastrophe verhindern "

Eine Katastrophe ist für den jurassichen Freiheitskämpfer allerdings der Status quo genauso. Sieht er sich doch in erster Linie als Jurassier, dann als Frankophonen, hernach als Europäer und erst ganz zuletzt als Schweizer. Und niemals als Berner! Vellerat - ein Schweizer Idyll? Hunde bellen, Milchkannen klappern, im knallgelben Auto rumpelt der Postbote die Kurven hinauf. "Wenigstens", atmet Pierre Andre Comte auf, "ist eine massive Intervention der Berner Kantonspolizei ausgeschlossen Das einzige Zufahrtssträßchen zum Dorf führt nämlich über den Boden des Kantons Jura.

Keine hundert Kilometer entfernt sitzen die verhaßten Unterdrücker. Ein Kachelofen, ein Kamin und ein dunkler Parkettboden künden freilich nicht unbedingt vom Zentrum der "imperialen Macht Berns". Auch der Hausherr in der Justizdirektion, im Schatten vom Berner Münster und unweit des berühmten Bärengrabens, paßt nicht für den Part des Tyrannen. Der jugendlich wirkende und milde Mario Annoni, selber ein Frankophoner, hat viel Verständnis für die Anliegen der zu Bern gehörenden Südjurassier - aber wenig dafür, daß kürzlich ein Bombenanschlag auf sein Haus verübt wurde, dem seine Frau und seine Kinder nur durch Zufall entgingen, und daß ein anderer Attentäter, der in Bern die Justitia vom Brunnensockel sprengte, nun im Kanton Jura um politisches Asyl ersuchte und dort dem Berner Strafvollzug entgeht.

Als Regierungsmitglied vertritt Annoni andererseits eine Berner Politik, die auch nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Während der Volksabstimmungen um die Abtretung des Juras machte der Kanton mit unlauteren Methoden Stimmung und bestritt aus "schwarzen Kässeli" Propagandafeldzüge. Annoni wehrt sich entschieden gegen Vorwürfe, Bern behandle seine französische Minderheit schlecht: "Sie besetzen, gemäß ihrem Bevölkerungsanteil, zwölf von zweihundert Sesseln im Parlament. Dieses südjurassische Dutzend besitzt aber praktisch ein Vetorecht in allen Fragen, die seine Region betreffen Im übrigen, glaubt der Berner Regierungsmann, hätte sich der Jurakonflikt längst entschärft, gäbe es da nicht ein paar Agitatoren, die gezielt ein rassistisches Vokabular verwendeten und die Frage zu einem Nationalitätenkonflikt emporstilisierten.