Von Gunter Hofmann

Bonn

Irgendwann verfestigte sich bei ihm der Eindruck, am runden Tisch bei Helmut Kohl im Kanzleramt, wo der Kompromiß über den Solidarpakt gesucht wurde, habe man sich gerade wieder einmal "eine Stunde unterhalten, aber gar nicht miteinander geredet". Also hat Rudolf Scharping seine "Rolle gesprengt", genau diesen Eindruck in Worte gefaßt und vorgeschlagen, wenn man eine Einigung wolle, solle man vielleicht lieber noch einmal getrennt beraten.

So trennte sich denn die Elefantenrunde am letzten Tag der Klausursitzung. Während der Beratung der Genossen zog Scharping, der Mainzer Regierungschef, seine Zettel aus der Tasche, auf denen er für sich notiert hatte, was man erreichen müsse und worauf man verzichten könne.

Als alle wieder beisammensaßen, fragte der Kanzler Björn Engholm, wie es denn stehe, aber der Kieler, der sich ohnehin gern als Moderator versteht, erwiderte, es sei vielleicht das einfachste, wenn Scharping vortrage. Der nahm erneut seine Zettel heraus und begann mit dem Satz: "Wir wollen die Einigung!"

Seitdem heißt es, Rudolf Scharping habe zu dem Kompromiß beim Solidarpakt eine Menge, wenn nicht Entscheidendes, beigetragen. Und der Kanzler, der ein Fuchs ist, lobte den Mainzer denn auch halb öffentlich: "Manche Chancen im Leben eines Politikers gibt es nur einmal, und Herr Scharping hat sie heute ergriffen."

Scharping, Jahrgang 1947, zählt stets zu den Kompromißsuchern. Er ist überzeugt, daß man so in der Sache am meisten erreicht. Das Problem ist nur, wie man sichtbar bleibt, wenn man sich unsichtbar macht.