Von Hans-Joachim Neubauer

Als die Resolution und die Discovery im Januar 1779 in der Bucht von Kealakekua vor Anker gehen, traut die britische Besatzung kaum ihren Augen: Tausende von singenden Polynesiern begrüßen sie am Ufer, kommen jubelnd an Bord der Schiffe des Kapitän James Cook. Die verzückten Bewohner Hawaiis überhäufen die Seeleute mit Früchten der Inseln, und die Frauen und Mädchen machen ihnen eindeutige Avancen. Wie schon bei seinem ersten Besuch ein Jahr zuvor behandeln die hawaiischen Priester den sittenstrengen Cook erneut als Lono, den Gott des Wachstums und der Fruchtbarkeit. Man salbt ihn mit heiligem Öl, schmückt ihn mit allen Insignien, die das Ritual vorsieht. Drei Wochen später jedoch ist Cook tot, niedergestochen erst und dann zerfleischt von einer Menge aufgebrachter Polynesien

Wie in einer früheren großen Studie ("Der Tod des Kapitän Cook", Wagenbach, Berlin 1986) rekonstruiert der amerikanische Anthropologe Marshall Sahlins die historischen Details und die mythologischen Hintergründe von Captain Cooks Metamorphose und blutigem Ende. In der mythischen Realität der Inselbewohner ist Cook nicht der Entdecker von Handelsrouten und neuen Märkten im Auftrag Seiner Majestät König Georg III. von England. Seit seinem ersten Auftritt sehen ihn die Hawaiianer ganz im Kontext ihres rituellen Kalenders, identifizieren ihn mit ihrem Gott. Daß er nun wieder pünktlich während des hawaiischen Neujahrsfestes Makahiki auftaucht, bestätigt die Priester in ihrer Interpretation: Cook ist die historische Verkörperung des mythischen Lono. Die Feiern zu seinen Ehren nehmen ihren gewohnten Gang, und Anfang Februar 1779 verläßt der Gott die Inseln, um im folgenden Jahr wiederzukommen: Die britischen Schiffe segeln ab, die Zeit des Makahiki geht zu Ende, und turnusgemäß übernehmen die Häuptlinge die Macht aus den Händen der Priester.

Alles scheint gutzugehen, bis dann ein Mastbruch Cooks Verhängnis einleitet: Die Resolution muß gewartet werden, und eine Woche nach seinem Abgang betritt der Gott Lono erneut die rituelle Szenerie Hawaiis. Allerdings zur Unzeit. Er trifft auf eine völlig veränderte Situation. Die herrschenden Kreise, Priester und Häuptlinge, liegen im Streit: Wie sollen sie der Provokation durch den Gott begegnen, welche Partei stärkt seine unerwartete Wiederkunft? Die innere Lage auf der Insel ist angespannt, das bekommen auch die Briten zu spüren. Schon der Empfang ist kühl. Bald kommt es zu Diebstählen und Raufhändeln, und als Cook den König Kalaniopu’u als Geisel nimmt, um die Herausgabe von Diebesgut zu erzwingen, geht er zu weit: Die Spannungen im komplexen symbolischen Gefüge, das die Verteilung der religiösen und weltlichen Anteile an der Macht regelt, entladen sich abrupt. Der König tritt in sein Recht, sein kosmologischer Widerpart muß fallen, um die kulturelle Ordnung zu retten. Kapitän James Cook stirbt als Lono.

Hawaii ist nicht die einzige "Insel der Geschichte". Auch auf den Fidschis und auf Neuseeland untersucht Sahlins, wie historische Ereignisse mit der interpretierenden Kultur zusammenhängen und wie sie deren Struktur beeinflussen. Er zeigt zum Beispiel, welche symbolische Ordnung sich hinter der Erbitterung verbirgt, mit der die neuseeländischen Maoris 1844/46 gegen die britische Besatzungsmacht rebellieren. Ihnen geht es nicht darum, ein erobertes Fort zu schleifen oder die Invasoren zu vertreiben. Die Aufständischen kämpfen nur für ein Ziel: Sie wollen einen Fahnenmast fällen, den sie als symbolische Inbesitznahme des Landes und seiner spirituellen Kräfte interpretieren. Ob Sahlins über diese Kämpfe berichtet oder über die rituellen Zeremonien, die die Einsetzung eines Häuptlings begleiten – immer entschlüsselt er die Praxis symbolischen Handelns, indem er ihren kulturellen Kontext befragt. Seine Studien verbindet dabei nicht nur ihr Sujet: das historische Polynesien und dessen untergegangene Kultur, die "vielleicht eine glückliche" gewesen ist.

Die fünf Kapitel kreisen um zentrale methodologische und theoretische Probleme der Historiker: Was sind historische Ereignisse, wie verändert symbolisches Handeln ein kulturelles System von Bedeutungen, wie lassen sich Diachronie und Synchronie historiographisch vermitteln? Dabei geht es Sahlins darum, die klassischen Grenzen zwischen Geschichtswissenschaft und Anthropologie zu überwinden, "unseren Geschichtsbegriff mit Hilfe der anthropologischen Kulturerfahrung aufzubrechen."

Das ist mehr als nur ein modisches Postulat. Wie Max Weber begreift Sahlins Kultur als ein semiotisches System. Das verbindet ihn einerseits mit den Historikern der Annales-Schule, andererseits mit den Arbeiten des Soziologen Pierre Bourdieu und des Ethnologen Clifford Geertz. Für Sahlins ist ein historisches Ereignis kein bloßes Faktum, sondern eine "Beziehung zwischen einem bestimmten Geschehen und einem symbolischen System". Sahlins gelingt es, seine theoretischen Fragen anspruchsvoll zu erörtern, ohne die historischen Fallstudien aus dem Blick zu verlieren, aus denen er sie entwickelt. So sind seine "Inseln der Geschichte" nicht nur ein kluges, sondern auch ein spannendes Buch geworden – nicht zuletzt, weil Sahlins anschaulich erzählen kann. Nebenbei zeigt er, wie überraschend die historischen Konjunkturen sein können, in denen ganz zufällig scheinende Ereignisse stehen. So wird Kapitän Cook das Opfer zweier unterschiedlicher Systeme zur Erhöhung der Prosperität: Als hawaiischer Gott stirbt er, um Fruchtbarkeit und Wohlstand zu mehren, als der "globale Agent des Adam Smith" wird er zum Märtyrer einer weltumspannenden Pax Britannica. Der Dolch, der ihn tötet, ist made in England, ein Werbegeschenk des europäischen Freihandels an seine künftigen überseeischen Kunden. Man kann wohl annehmen, daß dem Kapitän Cook die feine Ironie, die darin steckt, entgehen mußte.