Ventimiglia ist mir ans Herz gewachsen. Selten sah ich eine Landschaft von solch marodem und halsbrecherischem Charme – ein völlig verhauenes Stückchen Riviera, nicht so geputzt und nuttig wie beispielsweise Saint Raphael an der Côte d’Azur, das nicht weit entfernt auf französischer Seite seine Freier erwartet; Ventimiglia ist weder gediegen noch sonderlich ansehnlich. Es liegt aus purem Zufall an dieser wunderbaren Mittelmeerküste, pflegt ein wenig seine Promenade und baut drum herum die schönsten Alpträume in Beton und Asphalt; Autobahnzubringer würgen die Westseite, nach Osten geht’s weiter in die nächsten kleinen Käffer. Und sie alle haben (zumindest zur Nachsaison) wie Ventimiglia eine widerborstige, weil nach außen hin verkorkste und schlamperte Würde, aber sie haben wenigstens eine.

Schön ist es, an einem Wochenende in touristenfreien Zeiten zu beobachten, wie die Einheimischen ihr Meer besuchen gehen. In Grüppchen wird heftig flaniert, einzelne stehen nur so da und starren ein wenig. Das sind die wahren Freunde des Meeres: Sie benutzen es nicht, sie baden nicht in ihm, sie liegen nicht zum Bräunen dicht dran, sie schauen nur und werden ruhig im Gemüt, weil das Meer alle Sorgen und Umtriebigkeit in seiner Brandung verrauschen läßt.

Geschwächt von der Fahrt kamen wir an und schlichen durch die verhalten belebte Innenstadt. Die großen Tankstellen, in denen die Franzosen vor Binnenmarktzeiten ihren Pastis im Sixpack kaufen konnten, leuchteten traut, die flache Roia wisperte in ihrem etwas zu groß geratenen Flußbett. Wir waren auf der Suche nach einem Lokal, in dem der sieche Reisende zur Not und wenn es denn mit der Reisehinfälligkeit ganz dick kommen sollte, die Füße hochlegen könnte, ohne Anstoß zu erregen. So fiel die Wahl auf „Chez Paul“.

Von den vielen Tischen, an denen zur Hochsaison die Busladungen ihr „Menu touristico“ einnehmen können, war nur einer besetzt. Dort lasen zwei afrikanische Würdenträger in Landestracht einigen Einheimischen aus der örtlichen Tageszeitung vor. Wir setzten uns weitab, um bei diesem Fest nicht zu stören. Und dann kam er: „Chez Paul“ persönlich!

Mein Reisebegleiter war sofort verliebt in das alte Männlein, das unsicheren Schrittes auf unseren Tisch zuwankte und uns die Karte brachte. Dann segelte es kurz weg, einmal um den Stammtisch mit den Würdenträgern herum, um ans erneut anzusteuern. Wir wählten aus, bestellten einen bestimmten Wein, Paul lugte auf das Weinregal, nickte, wiederholte den Weinnamen, schunkelte auf das Regal zu, kam mit einer falschen Flasche zurück und bewirtete uns.

Der sichere Griff daneben setzte bei meinem Begleiter einen Schub an Zuneigung und Männleinliebe frei. Begeistert tranken wir von dem falschen Wein, begeistert aßen wir von der nahezu ungenießbaren Speise, die Madame Paul auf die Durchreiche knallte. Trotz einer sich anbahnenden Übelkeit meinerseits (und ich besitze nun wirklich einen durchtrainierten und wahrscheinlich sogar salmonellenresistenten Magen) bestellten wir bei Monsieur Paul, der in regelmäßigen Abständen vor unserem Tisch auftauchte wie eine Boje bei Seegang, das Dessert. Mandarinen sollten es sein.

Paul blickte zu der sorgfältig aufgeschichteten Mandarinenpyramide auf dem Büffet – er schien jetzt ein Momentchen lang zu meditieren oder zu beten oder überhaupt und in toto nachzudenken –, dann schritt er auf die Pyramide zu und entlernte von ihr zwei Mandarinen. Und zwar zwei aus der untersten Reihe.