Von Ulrich Herrmann

Damit hat nun wirklich niemand gerechnet: Das Drama wird fortgesetzt! Die erste Folge hieß "Eisenherz" (1982 von Andrea Breth in Bochum uraufgeführt) und spielte in einem Büro, immer montags, nachdem es Sonntag gewesen war. Akten wurden geblättert, Schreibmaschinen klapperten. Es war ein Ort für stille Zweifel und laute Träumereien, ein bewegender Tragödienschauplatz also. Nur Ellinor Bublitz durfte ihn damals überleben, nicht aber der arme Kolk, geschweige denn Frau Billerbeck. Für jene mitleidsvollen Kreaturen gab es kein Entrinnen. Also rückte man zusammen. Die Luft war dünn und abgestanden, der Kopf war hohl, die Stirn ein wenig fiebrig. "Der Untergang, wenn er käme, der Weltuntergang, er würde ein Kinderspiel sein, ein Schauspiel, ein schönes", sagte Frau Billerbeck noch, und: "Aber er kommt nicht. Die Katastrophe ist längst gewesen." Dann war es aus, das (gelungene) Stück. Kein weiteres würde folgen.

Gerade haben wir uns zähneknirschend damit abgefunden, da geschieht etwas Sonderbares. Die Dichterin schickt Ellinor ("Elli", die fremde Tochter) noch einmal auf die Reise. Da aber alles vorüber, nichts mehr vorhanden ist, führt sie zwangsläufig ins Nichts, in ein Nirgends- und Niemandsland. Der Exitus hat bereits stattgefunden. Die ganze Welt ist ein Büro geworden, nur ohne Wände, leider, ohne Kolk und Frau Billerbeck und all die anderen. Was bleibt, sind ein paar Trauergestalten, Menschen mit dürftiger Geschichte und schwacher Erinnerung. Im Grunde sind sie alle Poretaner, gleichen der rätselhaften Kinderbande, die tagsüber Kranke pflegt und sich in der Nacht mit seltsamen Litaneien tröstet.

Mit der Geschichte von Elli und den Poretanern hat sich Gerlind Reinshagen ein letztes Kinderschauspiel gegönnt. Dabei ist die Dramatikerin endgültig zersprungen. Sie verliert sich in jenen "tausend Stücken", den "tausend Personen", die sie einst in ihrem "Frühlingsfest" heraufbeschwor. "Die fremde Tochter" ist ein düsteres End-Stück. Manch ein Splitter darin glänzt blaß und wundersam. Kaum einer aber mag zum anderen passen. Die Inszenierung hat keine Wahl. Sie muß entschieden poretanisch sein, Gutes tun und retten, was doch längst nicht mehr zu retten ist. Christof Nel aber restauriert am Theater Basel in einem fort, will artig Stein an Stein setzen und bemerkt gar nicht, daß es viel zu viele Teile sind, die da ein Ganzes bilden sollen.

Anfangs schwebt noch etwas zauberhaft Kindliches über der Szene. Die Poretaner liegen beieinander, stimmen einen fremdartigen Sprechgesang an, lachen und schnipsen stumm mit den Fingern. Leider müssen sie bald schon zu streiten beginnen, sich uneins werden und alle Unschuld verlieren. So will es Gerlind Reinshagen, ihr Uraufführungsregisseur setzt es brav in die Tat um. Sein strenges Kinderspiel aber verkommt zu fadem "Räuber und Gendarm". Die Bühne (Barbara Bi-Übel) ist keine Bühne, sondern eine praktische Vorrichtung für schnelle Auftritte und zügige Abginge – eine Art Mutterkuchen mit Löchern und Ritzen, aus denen ständig kleine Poretaner kriechen. Kein Kinderschauspiel wird geboten, sondern hochdramatisches Embryonentheater. Ein schwarzbefrackter Cellist (Martin Schütz) greift dazu jugendbewegt in die Elektrosaiten, spielt auf wie Jimi H. und verwandelt das Weihespiel in ein atemberaubendes Inferno.

Einer wunderbaren Schauspielkünstlerin vor allem ist es zu verdanken, daß wir uns immer wieder davon erholen dürfen. Nikola Weisse ist Oda und die Mutter aller Kinder. Und sie ist viel mehr als das, ist selbst ein Kind geblieben, ein Wesen aus uralten Zeiten, mit schönen Gedanken im Kopf und feinem Witz auf der Zunge. Längst haben ihre Zöglinge heftig zu pubertieren begonnen. Oda aber streckt nach wie vor die Beine von sich, bleibt felsenfest sich selber treu und keinem anderen. Um sie herum bricht alles auseinander, tobt der Krieg. Und selbst Herr Nel wagt einen letzten verzweifelten Spaß, inszeniert all das, was er schon immer inszenieren wollte und was auf keinem Blatt mehr steht: Ein verwegener GI (Hans Jürg Müller) will Elli (Patrizia Schwöbel) nach Austin, Texas, entführen, und ein unbekanntes Mädchen setzt sich anmutig auf die Leiche des Poretanerhäuptlings (Edmund Telgenkämper). Oda aber sagt: "Es werden neue Kinder kommen, viele..." – und geht Vielleicht hat sie recht. Dann ist Elli tatsächlich ein wenig wie ihre Erfinderin: ein Mensch, der immer wiederkehrt und zwischen allen Stühlen sitzt. Nur eines weiß sie ganz sicher von sich: "Ich werde immer die sein, die bleibt." Und schon wird es wieder Zeit für eine tolle Reise und ein neues (gelungenes) Stück. Fortsetzung folgt.