Von Werner Abelshauser

„In politischer, wirtschaftlicher und menschlicher Beziehung wird die Wiedervereinigung Deutschlands Kräfte freimachen, von deren Stärke und Macht sich die Schulweisheit der Planwirtschaftler nichts träumen läßt.“

Ludwig Erhard, 1953

Die historische Forschung zur deutschen Vereinigung steht erst am Anfang. Sie ist aber schon jetzt auf eigenartige Weise mit einer seit langem anhaltenden Debatte unter Wirtschaftshistorikern verknüpft. Es geht um die Ursachen des schnellen

Wiederaufstiegs der westdeutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg: War es jene spezifische neoliberale Ordnungspolitik, die noch heute als „soziale Marktwirtschaft“ zum Grundbestand deutscher Politik gehört, oder eine außerordentlich günstige Konstellation der Produktionsfaktoren und ein überraschend reiches wirtschaftliches Erbe des „Dritten Reiches“, die für eine schnelle Rekonstruktion der Wirtschaft gute Voraussetzungen schufen?

Der Weg der fünf neuen Bundesländer in die Marktwirtschaft könnte in der Tat diesen Streit zwischen der Mehrheit der „neokeynesianischen“, einem aufgeklärten Interventionismus nicht grundsätzlich abgeneigten Forscher und ihren neoliberalen Widersachern in ein neues Licht setzen. Konsequenzen für die wirtschaftliche Ostpolitik wären dann unvermeidlich.

Es galt lange als sicher, daß die westdeutsche Wirtschaft ihr Erfolgsrezept den historischen Erfahrungen mit dem westdeutschen Reformweg – Außenwirtschaftshilfe (Marshallplan), Währungsreform (Deutsche Mark) und neoliberale Wirtschaftsreform (soziale Marktwirtschaft) – verdankte. Unter den günstigen Wachstumsbedingungen der Langen Fünfziger Jahre, also jener eineinhalb Jahrzehnte, die 1947 mit der Ankurbelung der westdeutschen Wirtschaft begannen und Anfang der sechziger Jahre mit dem wirtschaftlichen Ende der Nachkriegszeit ausliefen, setzte sich diese Grundüberzeugung in Westdeutschland schnell durch.