Und dann sagte einer plötzlich: "Wissen Sie denn nicht, warum viele Schüler heutzutage nach Buchenwald wollen? Für das Modell Konzentrationslager interessieren sich inzwischen die Rechtsradikalen. Und Stacheldraht aus Buchenwald wird im neonazistischen Untergrund als Devotionalie gehandelt "

Elternabend einer zehnten Klasse der Regelschule 4 im thüringischen Saalfeld. Bei diesen warnenden Worten eines Vaters wird der Lehrerin Monika Krieg blümerant zumute, hatte ihre Klasse doch einhellig beschlossen, den Wandertag für einen Besuch von Buchenwald zu nutzen. Auch der Schüler, der sich gern mit Hitlergruß meldet, war dafür gewesen. Um so mehr hatte sich die Lehrerin gewundert, denn seit der Wende sind Besuche der Gedenkstätten des Nationalsozialismus bei Jugendlichen eigentlich "out". Zu SED Zeiten waren diese Besuche verpflichtend. Vor der historischen Kulisse wurde die Jugendweihe begangen, die Vierzehnjährigen hoben die Hand zum rituellen Schwur: "Wir werden das revolutionäre Vermächtnis erfüllen "

Rund 400000 Besucher im Jahr, 65000 davon DDR Jugendliche, registrierte die Gedenkstätte Buchenwald vor der Wende: Neunzig Prozent von ihnen kamen im Rahmen der Jugendweihe. 1991 waren es nur noch 163 217, davon 24 771 Deutsche unter achtzehn Jahren aus Ost und West. Eine Zunahme ist nur bei Individualreisenden und bei Besuchern aus dem Westen zu vermerken. Und Lehrer sind unsicher, ob Klassenfahrten zu solchen Gedenkstätten heute nicht sowieso verboten sind - jedenfalls hätten sie Angst, als "rote Socke" in Verruf zu geraten, erklärt Peter Reif Spirek, stellvertretender Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen. Monika Krieg aus Saalfeld bereitet die Exkursion genauestens vor und fährt. Der Besuch dauert drei Stunden und verläuft nach dem gängigen Schema: erst ein Film über Buchenwald, anschließend eine Führung über das Gelände, am Ende der Gang in die Ausstellung. Nichts Schlimmes passiert, und erleichtert beendet die Lehrerin mit ihren herumalbernden Schülern den Tag in einem Cafe der nahe gelegenen Stadt Weimar.

Was bedeutet der Besuch für die Schülerinnen und Schüler? Fast übereinstimmend berichten sie von Enttäuschung: Es fehlt der erwartete Horror. "Der Film war langweilig, er ist nicht genug mit Schrecken versetzt", erklärt eine Schülerin, "im Fernsehen sieht man jeden Tag genau so viele Leichenberge = "Die Aufmachung ähnelt zu sehr einem Museum", kritisiert ein Junge, "man kann sich nicht richtig hineinversetzen Manche fühlen sich düpiert, daß "die Zäune und Wachtürme nicht mehr intakt sind. Das finde ich blöd " Und sie machen Verbesserungsvorschläge: "Man sollte einige Baracken wiederaufbauen, damit man so ein Gefühl dafür bekommt Ein Disneyland des Grauens? Den größten Eindruck haben folgerichtig das Krematorium, der Seziertisch und die Genickschußanlage hinterlassen.

Das entspricht einer Untersuchung, die das Institut für Marktanalysen Psydata erstellt hat im Auftrag der hessischen und thüringischen Landeszentralen für politische Bildung. Die Studie "Auswirkungen der Besuche von Gedenkstätten auf Schülerinnen und Schüler - Breitenau, Hadamar, Buchenwald" stützt sich auf die Reaktionsmuster von vierzig Jugendlichen. Dabei unterscheiden sich die aus dem Osten nicht wesentlich von denen aus dem Westen, nur daß der Kontext, in dem die Besuche in der DDR stattfanden - Treue zum Sozialismus und Unversöhnlichkeit gegenüber dem Klassenfeind , zur Hülse geworden ist. So zweifeln einzelne Jugendliche aus Thüringen, ob die Konzentrationslager nicht überhaupt eine Erfindung der Kommunisten gewesen seien, um die Menschen vom "Kapitalismus abzuschrecken". Die Mitarbeiter der Gedenkstätten diskutieren zur Zeit, ob man nicht Teile der Gedenkstätten modellgetreu wiederaufbauen sollte. Bettina Winter, Leiterin der Gedenkstätte der "Euthanasie"Anstalt Hadamar, ist dagegen: "Eine falsche Kachel, ein falscher Seziertisch, und die Jugendlichen sagen: alles Fälschung Soll man statt dessen den Einstieg in das Thema erleichtern, indem man Beispiele der Gegenwart einbezieht, etwa den Ausländerhaß? Hier gibt die Psydata Studie eine eindeutige Antwort: Generell lehnen die Jugendlichen eine politische Aktualisierung der Geschichte ab. Dieses "Da seht ihr, wohin der heutige Rechtsradikalismus führen kann" empfinden sie häufig als Zeigefinger Pädagogik.

Viele Politiker scheinen aber der Ansicht zu sein, Rechtsradikalismus durch Besuche in einer KZ Gedenkstätte wirksam bekämpfen zu können. Im hessischen Darmstadt hat die Stadtregierung einen Fonds unter anderem für solche Fahrten bereitgestellt. Das Sozialamt Weimar wollte sogar Skinheads zwecks Läuterung nach Buchenwald schicken. Thomas Hofmann, seit einem Jahr Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, kritisiert: "Die Politiker erwarten einen pädagogischen Schnellkurs gegen rechts, aber wir sind kein antifaschistischer Schnellkochtopf für Skins. Das kann dieser Ort nicht leisten "

Die Schüler sind meist schlecht oder überhaupt nicht auf den Besuch vorbereitet - das registrieren die Mitarbeiter der Gedenkstätten in Übereinstimmung mit der Psydata Studie. Die Zeit des Aufenthalts ist oft zu knapp bemessen, um in das Thema Nationalsozialismus ernsthaft einsteigen zu können. Viele Schüler sind zu jung, um das Geschehen zu erfassen "Inzwischen nehmen wir keine Klassen unter dem neunten Schuljahr mehr", heißt es in Hadamar, "und unter drei Stunden machen wir auch keine pädagogische Betreuung "