Nach einer halben Stunde in der dunklen Staatsoper Unter den Linden wird es endlich wieder hell. Pause! Zitternd öffnen wir den delikat weiß gebundenen, bis zum aufgeklebten Rückenschildchen, bis zum schwarzen Lesebändchen mit vielen, auch farbigen Bildern perfekt als Buch gestalteten Programmzettel ("Endverarbeitung: Buchbinderei Stein"; 128 Seiten, 14 Mark) und lesen, woran wir 30 Minuten lang gezweifelt haben: "Choreographie, Inszenierung, Ausstattung: Maurice Béjart."

Eine qualvolle Veranstaltung. Sie wird zur künstlerischen Katastrophe, wenn man erleben muß, wie das Publikum einer Stadt jubelt, die jahrzehntelang nicht nur politisch abgeschottet war, sondern sich auf ihren Ballett-Staats-Bühnen, hüben wie drüben, eingesponnen hat in eine Dornröschen-Welt muffiger Vergangenheit. Das hat der große Tanzmeister Bejart denn doch nicht verdient, von einem Schickeria-Publikum dafür angehimmelt zu werden, daß er fast nichts geleistet hat.

Und das ist Béjarts gutes Recht. Der Tänzer-Choreograph, der (nicht nur) mit seinem Ballett des XX. Jahrhunderts die letzten Jahrzehnte geprägt hat wie nur noch Georges Balanchine, ist ein kluger Mann. Er hat erkannt, daß seine Zeit zu Ende geht. Nach der Auflösung der Truppe in Brüssel hat er in Lausanne zwar noch einmal einen Anfang gewagt, sich rasch aber auf eine kleine Gruppe konzentriert.

Da ruft Berlin. Da lockt eine späte Gloriole. Da streckt ein musikalischer Direktor wie Daniel Barenboim die Hand aus. Da ist ein gutes, im klassischen Stil geschultes Ensemble. Da sollte ein tanzwütiger Künstler ("Ich bin ein Feind von Ferien! Ich kaufe jede Woche zehn Bücher!") nicht schwach werden?

Er bedankt sich ("Berlin war seit eh und je eine meiner Lieblingsstädte") und wird in einem Alter, da andere in den Ruhestand gehen, Erster ständiger Gast-Choreograph der Berliner Staatsoper. Was könnte ein Tanzensemble da profitieren! Nur hat einer wie Béjart (im Hauptberuf Ballettchef in Lausanne) nicht mehr Zeit und Geduld, den jungen Leuten im Berliner Probensaal zuzuschauen, ihre tänzerische Persönlichkeit zu entwickeln. Also bringt er zwei der neuen Produktionen seiner Compagnie Rudra aus Lausanne nach Berlin mit – und läßt ein ganz anderes, nicht von ihm ausgesuchtes Ensemble diese (für einen Meister wie Béjart) schwächlichen Choreographien tanzen:

  • eine auf Beter-Knien erträumte Vision von Arnold Schönberg "Verklärter Nacht", in der sich dem hier plötzlich frömmelnden Choreographen das Liebespaar von Richard Delmels Gedicht "Zwei Menschen", das der Komposition zugrunde liegt ("Ich trag’ ein Kind, und nit von Dir"), ins Krippen-Paar von Maria und Joseph verwandelt;
  • eine ins Schwulen-Milieu verlagerte Version von Bartóks "Wunderbarem Mandarin", in der "das Mädchen", die Dirne des Originals, in einen Transvestiten verwandelt wird (von Mario Perricone mit schmieriger Eleganz hingestöckelt).

Zum Auftakt in Berlin soll aber doch auch was Neues her. Also erleben wir zwölf Minuten einer der selbst für Béjart seltsamsten Uraufführungen. Ehe Barenboim den Taktstock heben darf zur Orchesterfassung der "Verklärten Nacht", hören wir, gesprochen vom neuen Ballettdirektor des Hauses, Michael Denard, der wie ein Reporter mit Trenchcoat und Kamera über die Bühne schlendert, Texte aus den "Hymnen an die Nacht" des Novalis und aus Ludwig Wittgensteins "Tractatus logico-philosophicus". Das ist nicht ohne höhere Peinlichkeit, wenn Damen und Herren im Tanz-Dress an der Übungsstange Muskeln dehnen, Knochen strecken, und eine Stimme raunt: "Unselige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht..."