Von Uwe Schweikert

Wie ein wüst hingeschütteter Kehrichthaufen ist diese schönste Welt.“ Heraklits Fragment – ein frühes Manifest der Postmoderne? Oder die Aufforderung zur Erfahrung des Andersseins, des Heterogenen? Auf den Seiten des von Axel Matthes herausgegebenen „Pfahl“ jedenfalls nimmt sich der zweieinhalb Jahrtausende alte Satz des Vorsokratikers wie eine versteckte Leseanleitung aus.

„Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“ nennt der Herausgeber und Münchner Verleger sein Unternehmen, das inzwischen schon zum sechsten Male erscheint und so etwas wie seine Visitenkarte darstellt. Der Titel lehnt sich an Léon Bloy an, einen der Begründer des französischen renouveau catholique, der im Vorwort zu seiner Zeitschrift Le pal vor über hundert Jahren schrieb: „Ich erkläre meinen unwiderruflichen Willen, es essentiell an Mäßigung fehlen zu lassen, ständig unvorsichtig zu sein und jedwedes Maß zu ersetzen durch Übertreibung ...“

Ganz im Sinne Bloys ist auch diese sechste Folge eine anregende, eine aufregende, meist erfrischend, manchmal ärgerlich komponierte Sammlung, die gegen den zeitgenössischen kulturellen Herdentrieb schwimmt. Darum steht zwischen diesen Buchdeckeln auch Unvereinbares nebeneinander. Gerade der Widerspruch sorgt für Erkenntnis.

Als Wegmarken leuchten Namen, die auch das Fundament von Matthes’ Verlagsprogramm bilden: Artaud, Bataille, Pavel Florenskij, Leiris, André Masson. Als Spezialist für das Besondere, für das Eigensinnige jenseits der eingeschliffenen Kategorien präsentiert Matthes stets auch Unbekanntes, Entlegenes, Fundstücke: Texte, die anecken.

Dazu gehören in diesem Band, der fast ausschließlich deutsche Erstdrucke enthält, etwa die Feuilletons des Exilrumänen Valeriu Marcu, eines linken Konservativen. Oder des Naziideologen Alfred Bäumlers selbstkritische Anmerkungen zu den Irrtümern des Faschismus. Oder, ein veritables kleines Buch im Buch, Marina Zwetajewas Erinnerungen an den Dichter Maximilian Woloschin; Zeugnis ihrer einzigartigen Fähigkeit, das lebendige Bild eines Menschen im Wort wiederauferstehen zu lassen.

Im „Pfahl“ findet sich für jeden etwas – und sei es eine Überraschung. Dem Verächter des Musiktheaters etwa lege ich Michel Leiris’ liebevolle Huldigung des Singens ans Herz. Und den Subjektphilosophen würde ich einen Blick in Georges Batailles erotologisch-poetische Glosse „Der Sonnen-Anus“ werfen lassen, um im Abgrund des Erschreckens seines eigenen Spiegelbildes gewahr zu werden.