Von Georg Blume

Kenneth Courtis, ein amerikanischer Wirtschaftsprofessor, liebt die japanische Bescheidenheit. "Heute sind wir sicher, daß die Tokioter Börse im letzten August ihren Tiefpunkt durchschritten hat." Kein Wort zu laut, kein Satz zuviel. Courtis, Chefökonom der Deutschen Bank in Tokio, prophezeit damit, was derzeit kaum jemand für möglich hält: einen neuen Aufschwung in Japans Wirtschaft.

Seit Beginn der achtziger Jahre ist der 43jährige Börsenexperte in Tokio zu Hause. Seine Urteile über die Aktienmärkte in Asien haben dem Amerikaner in deutschen Diensten nicht nur in Finanzkreisen zu Ansehen verholfen. Bereits Mitte Februar holten die Berater Bill Clintons Courtis nach Washington. Vor Kongreßmitgliedern wetterte er ungewohnt deutlich gegen den Glauben, die japanische Börse sei zusammengebrochen, die Wirtschaft zerfalle. In Wirklichkeit stoße das Land nur die Exzesse der achtziger Jahre ab: "Schon Mitte der neunziger Jahre wird Japan für einen weiteren mächtigen Sprung vorwärts gerüstet sein."

Wäre es also tatsächlich an der Zeit, die Tokioter Börse wieder ernst zu nehmen? Seit drei Jahren sinken die Gewinne der japanischen Unternehmen. Vergangene Woche ergab nun eine vielbeachtete Umfrage der Tageszeitung Nihon Keizai, daß die Unternehmer des Landes im kommenden Finanzjahr 1993/94 erstmals wieder steigende Erträge erwarten können. In der Flut von schlechten Nachrichten, die Japan seit 1991 überschwemmt, tauchten in den vergangenen Tagen erstmals wieder ein paar Hoffnungsschimmer auf.

Das wichtigste Signal gab die Börse selbst. Innerhalb einer Woche machte die Kabutocho einen Sprung von 7,3 Prozent oder 1219,82 Punkten nach oben. Vor allem ausländische Investoren und Kleinanleger, die sich erstmals wieder in Risikopapiere wagten, waren für den Aufschwung verantwortlich. Seit Montag hält sich der Nikkei-Index nun bei über 18 000 Punkten – eine Labsal für Japans angeschlagene Finanzhäuser, die ihre Bücher zum Ende des Finanzjahres am 31. März schließen und bei einem niedrigen Nikkei-Stand hohe Verluste verbuchen müßten. Bleibt der Markt jedoch bis zum Monatsende stabil, könnten sich Hunderte von Unternehmen aus den roten Zahlen stehlen.

Wieviel das Signal der Börse aber wert ist, vermag noch niemand zu sagen. Denn die unerwartete Rettung fiel nicht vom Himmel. Seit die Tokioter Börse nach ihrem zweieinhalbjährigen Dauersturzflug am 14. August 1992 bei 14 820,25 Punkten den vorläufigen Tiefststand für die neunziger Jahre erreichte, haben sich an der Börse Dinge getan, die in Europa oder den Vereinigten Staaten undenkbar wären. "Der Regierung ist es offenbar gelungen, dem Aktienmarkt einen Boden zu legen", räumt sogar der skeptische Londoner Economist ein. Doch es gibt auch Zweifel am neuen Aufwind an der Kabutocho. Daß man sie derzeit kaum vernimmt, liegt an den Verpflichtungen der Broker gegenüber den Bürokraten.

Niemand in Japan bestreitet zur Zeit, daß Japans jüngste Hausse das Werk von Beamten ist. Weniger denn je kann in Japan von einem freien Aktienmarkt die Rede sein. Eine Börse zu stützen sei nichts anderes, als eine Währung zu verteidigen, sagte Toyoo Gyothen, Vorsitzender der Bank of Tokyo, vor wenigen Tagen einer kleinen Zahl verdutzter ausländischer Journalisten. Der frühere Chefbürokrat des Finanzministeriums gab damit die Devise aus für ein bislang einmaliges Unterfangen der internationalen Börsengeschichte.