Rezension

Jeder Autofahrer hat sich schon einmal darüber geärgert: Der Stau, in dem er steckenbleibt, wird ausgelöst durch einen kleinen Bautrupp, der eine Leitplanke auswechselt; tausend Menschen verlieren eine Stunde in der Blechkiste, weil das zuständige Straßenbauamt die paar Mark mehr für Nachtarbeit sparen will. Ein kleines Beispiel nur für die negativen Wirkungen einer Bauleistung auf Dritte, die in die Kalkulation nicht einbezogen sind.

Diese "externen Effekte" des Bauens ziehen sich als roter Faden durch Volker Hahns Buch – auch wenn er sie nicht so nennt. Der ehemalige Vorstand des Stuttgarter Bauunternehmens Ed. Züblin AG diagnostiziert wachsende Bedenken gegenüber seiner Zunft. Bauen, ein ehemals positiv besetzter Begriff, werde ein "Synonym für etwas Zerstörendes, Rücksichtsloses und Unmenschliches".

Daran gibt Hahn den Bauleuten eine Mitschuld: Gegen ökologische Interessen und den anhaltenden Bewußtseinswandel in der Bundesrepublik hätten sie sich auf Seiten der herrschenden Baupraxis und -politik geschlagen. Anstatt auf die Schäden hinzuweisen, die viele Vorhaben langfristig mit sich bringen mußten, haben sie Hahn zufolge mit allzu starrem Blick auf kurzfristige Gewinne Ansehen und Vertrauen verloren – auch dort, wo sie ohne große Gefahr anders hätten handeln können.

Doch private und staatliche Bauherren trifft die Schuld ebenso. Auf der Suche nach billigen Lösungen hat der Staat es etwa gebilligt, daß neue Hauptverkehrsstraßen ganze Städte durchschnitten; im Wunsch nach einem repräsentativen Wohnhaus haben viele Familien großflächige Bungalows auf riesigen Grundstücken vor der Stadt gebaut und damit die Zersiedelung vorangetrieben. Diese Grundstücke waren billig – völlig zu Unrecht, wie Volker Hahn meint, denn im Marktpreis bleiben die Folgekosten der Verkehrsanbindung, des Zerfalls der Stadtkerne und der Naturzerstörung unberücksichtigt.

Heute behindern hörende Preise für Bauland den Wohnungsbau mehr als alles andere, unter anderem weil die Kommunen kaum noch neuen Baugrund ausweisen. "Dahinter stehen die Leute, die alles haben", erkennt Hahn – diejenigen also, die schon im Eigenheim wohnen und nun keine Neubauten in ihrer Umgebung mehr wollen. Doch nicht nur dort verlangt er umzudenken: "Muß nicht die Grundstücksgröße beschränkt werden, damit eine verdichtete Bebauung um einen Stadtkern möglich wird?", so seine provozierende Frage.

Dahinter steckt die Erkenntnis, daß Boden eben kein Gut ist wie jedes andere und daher auch nicht so behandelt werden darf. Das gilt schon deshalb, weil der Staat die Infrastruktur bezahlt und damit den Bodenwert größtenteils selbst bestimmt. Gehören entsprechende Wertsteigerungen, fragt Hahn, nicht der Öffentlichkeit; müßte eine echte Grundsteuer sie nicht abschöpfen? Und er geht noch einen gewichtigen Schritt weiter: "Wer sein Grundstück nicht bebauen will, sollte es freigeben müssen." Dieser Vorschlag zielt gegen das oft profitable, aber überaus schädliche Horten von baureifem Land.