Was?!?“ fragt er eine Schrecksekunde lang, der wohlgestutzte Rauschebart des Burgmuseumspförtners zittert verhalten, die dichten Brauen wölben sich ob der Frage, die zwar zum Thema gehört, jedoch eindeutig unter seine Gürtellinie zielt. Aber nach langer Diensterfahrung – vor Jahren sah man auf der Burgveste eine Ausstellung zur Historie des Kondoms – bricht es aus ihm heraus: „Also, ich trage ganz normale Slips, nicht die voluminösen, wie sie hier zu betrachten sind.“

Längst sind die Unaussprechlichen vom schamhaft verschwiegenen Liebestöter zum Bühnenbändelfutteral für das Beste am bodygebildeten Mann avanciert und also museal verpackt mit oder ohne Glasvitrine ausstellbar. Die Marktlücke hat ein Heimatmuseum am Rand des Odenwalds entdeckt. Wo früher Mönche Ausschau hielten nach berittenen Feinden, die gen Fulda zogen, später Durchreisenden der Wegezoll von Kurfürstlichen abgeknöpft wurde, zeigt das Museum auf der Veste Otzberg nun, was geschah, seit Adam sein Bio-Dessous verwarf.

„Die Zeit war reif“, sagt der Museumsleiter mit dem Zeitgeistriecher für pikante Themen. Gerd J. Grein spricht nicht davon, daß sich für Volkskunde heute kaum ein Wanderer interessiert, sich kein Kostümbildner in seine Trachtensammlung verirrt, die die größte Hessens in privater Hand ist, auch nicht davon, daß sein Museum sich aus eigenen Kräften finanziert – seine Sponsoren zahlen Eintrittsgeld (drei Mark) und tragen so zu Ausbau und Aufrechterhaltung der Museumsarbeit bei. Statt dessen präsentiert Gerd J. Grein zwischen Stellagen, Wäscheleinen und Stellwänden im Bandhaus der ehemals kurfürstlichen Amtsburg sein bestes Stück: „Im Mittelalter hat man also geglaubt, daß man den Geschlechtsteilen besonderen Schutz widerfahren lassen sollte, und da wurde also die Schamkapsel entwickelt, die sich aber im Laufe der Geschichte verselbständigt hat. Sie wurde immer größer und prächtiger und hat keinen Rückschluß mehr auf den Inhalt zugelassen, je wohlhabender, um so prächtiger war dann die Schamkapsel ausgebildet.“

Kindskopfgroß auswattiert wurde so manch Gebinde, das sich passend zum Samtüberwurf, zwischen Brokatgilet und Kuhfußschuh vorm Hosenlatze wölbte. Soll keiner sagen, die Patrizier hätten keinen Sinn gehabt für Komik. Doch die hygienische Behandlung der Hüllen dieser Herren verhielt sich umgekehrt proportional zu Rang und Pracht der Mode.

„In der Barockzeit hat man zum Beispiel gar keine Unterwäsche gekannt“, sagt Gerd J. Grein, „da hat man ein Hemd getragen, sowohl tags als auch nachts, und das wurde alle vier Wochen gewechselt. Später dann ist es üblich geworden, die Unterhose oder die Unterwäsche alle Woche zu wechseln, und dann kam natürlich das geänderte hygienische Empfinden hinzu und vor allem dann die Waschmittelwerbung, die den Frauen suggeriert hat, noch weißer als weiß zu waschen, das ging miteinander einher.“

Im Rokoko verzichtete man konsequenterweise auf das Unterkleid. Man trug ein Nachthemd oder nichts, und beim Lever der Adligen, beim Ankleidezeremoniell, hatte der Kaiser morgens eben keine Kleider an, der Hofstaat hatte allein Augen für die Anmut und die Grazie seiner Majestät.

Das Schnürmieder blieb ein Schönheitsfolterinstrument für das weibliche Geschlecht, und auch die Badekleidung scheint eher modern gewesen zu sein, wie eine Paparazzi-Zoomvergrößerung der Stadtansicht des Frankfurter Malers Schütz erweist: Nackt planschen da drei Knaben in dem noch sauberen Main. Auch Johann Wolfgang badete mit Freunden nackt in Darmstadt, doch schleunigst wies man ihn vom Hof. 1775 war das, und der Museumsleiter ist froh über den delinquenten Geheimrat, damals in spe, gilt ihm der Akt doch als Nachweis für Unaussprechliches aus dieser Zeit.

Passionsbilder, Kreuzigungsszenen und Heiligenstatuetten fügen weitere Indizien in das Bild. Der heilige Sebastian vor allem reckt inbrünstig und kokett, die Rechte leidend hoch zur Stirn, geziert mit ausgestelltem Bein und eingeknickter Hüfte sein Schamtuch und die pfeilgespickte Brust dem unbefangenen Betrachter ins Gesicht. Herrlicher Nippes aus dem 15. Jahrhundert.

Formelbewußt bekleidet Matthias Grünewald im 15. Jahrhundert auf einer Tafel des Stalburg-Altars auch seinen Christus zeitlos mit einem Schamtuch, das derart wohl nie getragen worden ist, wie der Ausstellungstext blasphemisch anmerkt, weil es völlig unpraktisch sei, während die Schächer, die dem Heiland gegenüber angeschlagen wurden, mit dem Slip des Mittelalters, in der sogenannten Bruche, am Kreuze leiden. Dieses Modell erscheint bekannt: Die kurzen, enganliegenden Beinlinge mit dem Kordelzug, der seitlich in Bikinibindebändern endet, zieren so manches Pin-up-Poster der Moderne. Wo bleibt die kreative Eigenleistung der Neuzeit?

Die nächste Kleiderwende nach der Schamkapsel des Barock verursachte das Militär. Mit der Reform der Uniform noch vor dem Ersten Weltkrieg kam das knielange Unterzeug, Makobaumwolle aus Ägypten, im Bund vorne geknöpft, hinten geschnürt gebunden.

Die nächsten Siegerunterhosen kamen aus Amerika: „Nur Lumpen sind bescheiden“, sagt Hans Albers zur Hochzeit der schrumpfenden Boxershorts. Das Dritte Reich bleibt braun und außen vor, und dann wird’s bunt. Ganz konsequent gab der Museumsleiter die Gestaltung der Dessous-Neuzeit pour hommes an die Dekorateure einer Herrenwäschehandlung ab, anderswo nennt man das Schleichwerbung, auf der Burgveste hat es Stil: Auffordernd wölben sich Bodybuilderrümpfe im erotischen Satintanga, formt merzerisierter Baumwollstoff des Mannes neuen Body, weckt schwarz seidig des fröstelnden Museumswanderers Lust. Kulturgeschichte im Zeitalter der Zentralheizung. Hier nur nutzloser Tand gegen die wohlig kratzbürstige Wärme der Selbstgestrickten aus Schafwolle, rehbraun und wadenlang, wie sie die Bäuerin ihrem Mann in langen Abendstunden zubereitet hat. Und was trägt, zeitgeistgemäß, der Herr Direktor?

„Ich hab’ die ganz klassische und konservative Form von weißem Feinripp an“, sagt er und lacht.

Die Ausstellung „Vom Feigenblatt zum Body“ ist auf der Veste Otzberg bis zum 31. März mittwochs und samstags von 14 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.