HANNOVER. – Der Traum ist zum Trauma geworden, Katerstimmung breitet sich aus: Die Expo-Paläste haben sich zu Luftschlössern verflüchtigt. Der Plan, die Landeshauptstadt rechtzeitig zur Jahrtausendwende zur Weltmetropole zu dekorieren, war auf Sand gebaut, kurz: Für die Expo 2000 fehlen das nötige Geld und mittlerweile auch der notwendige Enthusiasmus.

Obwohl viele schon im Sommer vergangenen Jahres damit gerechnet hatten, ist Kanzler Kohl immer noch nicht das erlösende Ja zur Übernahme der Milliardenbürgschaft über die Lippen gegangen. "Unerträgliche Hängepartie" heißt das Klagelied, das in der Stadt zu hören ist – ein vielstimmiger Chor frustrierter Lokalpatrioten aus SPD und CDU, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften, Presse, Funk und Fernsehen. Einen richtigen Grabgesang haben allerdings erst die Grünen angestimmt. In einem feierlichen Akt übergab einer aus der Ökopartei, die der Weltausstellung noch nie besonders freundlich gegenübergestanden hatte, seine Expo-Akten (einen ganzen Container voll) dem Staatsarchiv zur Aufbewahrung für die Nachwelt und erklärte die Superschau damit für beerdigt.

"Totgesagte leben länger", konterten trotzig die Befürworter, die ihre letzte Hoffnung nun auf einen Hannoverbesuch des Bundeskanzlers richten. Am 23. März will Helmut Kohl die Computermesse Cebit eröffnen. Daß er noch nicht abgesagt hat, weiten die letzten Optimisten als gutes Zeichen: Kohl wird sich doch nicht entblöden, meinen sie, in die Höhle des Löwen zu kommen und die auf ihn gerichteten Erwartungen dann zu enttäuschen.

Schließlich hat die Idee, in Hannover eine Weltausstellung zu veranstalten, auf der Messe ihren Ausgang genommen. Aus einer Sektlaune heraus hatte sich 1988 die damalige niedersächsische Finanzministerin und Aufsichtsratsvorsitzende der Messegesellschaft, Birgit Breuel (CDU), gemeinsam mit Leuten der Messe AG überlegt, sich beim Pariser Expo-Büro um die Ausrichtung zu bewerben. Und wer hatte denn im Traum daran gedacht, daß Hannover den Zuschlag bekäme?

Nach dem Wechsel der Landesregierung ließ Ministerpräsident Gerhard Schröder nichts unversucht, der Expo einen ökologischen Anstrich zu geben, Motto: "Mensch, Natur, Technik". Von umweltbewußtem Stadtumbau war die Rede. Mittlerweile hat sich der Kreis wieder geschlossen. Unter dem Druck der knappen Kassen ist nur noch an eine Erweiterung des Messegeländes gedacht, das Ökoprojekt mutiert zur Leistungsschau der Wirtschaft. Die Kosten wurden von vier auf fast drei Milliarden Mark heruntergerechnet, nicht eingerechnet allerdings der Ausbau der Stadtbahn. Für dieses Bonbon, mit dem insbesondere die Bürger der Stadt geködert wurden, fehlt plötzlich über eine Milliarde.

Der Kanzler in Bonn zaudert und ärgert die Niedersachsen, wenn er gleichzeitig die Unterstützung für Olympia 2000 in Berlin zusichert. Kein Wunder, daß Gerhard Schröder (die Absage wohl ahnend?) nun bemüht ist, sich aus der Affäre zu ziehen. Er weist darauf hin, daß sich offiziell nicht Niedersachsen in Paris um die Weltausstellung beworben habe, sondern Bonn. Nicht die Landesregierung werde die Expo absagen, teilte daher unlängst sein Sprecher mit. "Das muß schon die Bundesregierung selbst tun." Wird Kanzler Kohl dazu den Mumm bei der Cebit-Eröffnung aufbringen – oder kommt er etwa in Spendierhosen?

Heinrich Thies