BERLIN. – Ende letzter Woche war es dann soweit. Der „harte Knall“. Am Donnerstag gegen 10.50 Uhr wurde auf dem Mühlendamm in Ost-Berlin eine Handgranate von einem fahrenden PKW aus auf einen roten Mercedes geschleudert. Die achtspurige Straße war danach gesperrt, der Staatsschutz ermittelte, und die Sensationsnachrichten jagten in alle Richtungen. Die Opfer, ein Mann und eine Frau, seien untergetaucht. Mehrere Zivilstreifen, die den Mercedes begleiteten, hätten das Blaulicht eingeschaltet und seien davongerast.

Ein neuer Höhepunkt der Bandenkriminalität. Berliner Radionachrichten berichteten von einem Attentat auf einen wichtigen Zeugen. Das kennt man ja aus den amerikanischen Vorabendserien im Fernsehen. Im Zeitalter des reality-TV wurde jedenfalls eine erstaunliche narrative Vielfalt geboten. Tage später zeigte sich, daß die Realität nicht das hielt, was die Nachrichten versprachen. Der Tagesspiegel-Kommentator beklagte allerdings prompt, die Kriminalität nähere sich dem „Weltniveau“. Hoffnungsvolle Larmoyanz: „Washington läßt großen.“ Die Berliner Morgenpost sprach von „italienischen Verhältnissen“.

Die italienischen Verhältnisse entpuppten sich dann als das „Rotlicht-Milieu am Prenzlauer Berg“, das man auch erst einmal suchen muß. Das unverletzte Opfer dieser Weltniveau-Kriminalität heißt Frank Schulz, Sexfilm-club-Betreiber, der sich „schon denken konnte, wer das war“. Sein Freund „China-Kalle“ wurde, angeblich wegen obskurer Finanzgeschäfte, vor einem Jahr ermordet. Beide Herren waren bis Ende 1989 Mitglieder der Republikaner, hatten sich aber „mit Schönhuber nicht vertragen“. Die Presse vermutete, daß Schulz ganz oben auf der „Todesliste der Berliner Unterwelt“ stehe, und die Kripo sprach vom „dicksten rot-braunen Sumpf (Rot für Rotlicht). Immerhin, das war auch etwas. Gleichwohl, der Weltniveau-Glanz war dahin. Ein Absturz von der Vorabendserie in die Lokalnachricht.

Diese Sucht nach Weltniveau-Kriminalität läßt sich nicht mit dem Verweis auf die Sensationslust der Medien erklären. Dieser Begriff ist ohnehin nichtssagend. Interessieren sollte vielmehr der Ton, ein Dauerton, mit dem öffentlich erzählt und rezipiert wird. Jenes Jetzt-ist-es-passiert oder jenes Auch-dasnoch, das das Berliner Lebensgefühl begleitetet Ob es sich um den Polenmarkt oder um vietnamesische Zigarettenschieber handelt, um den Waffenhandel russischer Offiziere oder um polnische Autoschieber, ganz zu schweigen von den Tschechen, die Schutzgelder in den Kudamm-Geschäften einsammeln – Berlin ist bedrängt von anonymen Mächten und bedroht von einer Unterwelt, die sich irgendwie bis in die Weiten des osteuropäischen Raums ausdehnt. Oder anders: Der osteuropäische Raum dehnt sich bis zur Unterwelt aus. Um noch einmal den Tagesspiegel zu zitieren: „Es werden nun also auch Handgranaten geworfen.“

Dieser antizipatorische Tonfall war in verschiedenen Modulationen schon zu Frontstadtzeiten bekannt. Aber er hat auch eine aktuellere Genese. Unmittelbar nach der Wende landeten Gespräche mit ostdeutschen Lehrern, Anwälten, Psychiatern sehr schnell vor allem bei einer Zukunftserwartung: Nun werden wir bald auch die kapitalistische Kriminalität haben. Recht hatten sie. Auch Paranoiker werden oft verfolgt. Dieser Ostton, dieses Beschwören der Realität als wachsender Zumutung, ist erfolgreich nach Westen gewandert. Sollte es so sein, daß der Westen den Osten kolonialisiert, dann unterminiert der Osten den Westen ebenso wirksam mit jenem Lebensgefühl à la baisse. Auch eine Art der inneren Einheit der Deutschen.

Botho Strauß spricht von den „Antizipationen einer größeren Bedrängnis“, vom „Terror des Vorgefühls“. Aber seine bemerkenswerten Wahrnehmungen werden nicht zitiert, vielleicht weil er die falschen Leute zitiert. Vielleicht, weil nicht nur in Berlin die Leute im Vorgefühl einer größeren Bedrängnis, in der Antizipation des Zerfalls der öffentlichen Ordnung leben. Ein doppelter Realitätsverlust. Es fehlt das Augenmaß für die doch erstaunliche Tatsache, daß trotz der dramatischen gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland immer noch eine verläßliche öffentliche Ordnung garantiert ist. Es fehlt aber zugleich auch das zivile Bewußtsein für die Fragilität dieser gesellschaftlichen Garantien. Das ist schließlich Sache des Staates, den man für die Unsicherheit des Lebens im Zweifelsfall haftbar machen kann.

Der heutige Deutsche hat sich in ein Niemandsland zwischen fragwürdiger Vergangenheit und drohender Zukunft zurückgezogen. Er privatisiert in einer kollektiven Depression und ist mithin für die öffentlichen nicht verantwortlich. Der harte Knall Handgranate weckt ihn nicht auf, sondem bestätigt ihn.