Mit Big Macs, Coke und French Fries auf dem Plastiktablett schiebt sich das Schülerpärchen durch das Gedränge zu einem freien Tisch. Als wäre es ein religiöses Ritual, zieht der Junge seinen tragbaren CD-Spieler aus der Manteltasche, stöpselt die Kopfhörer für sich und die Freundin in das Gerät und drückt auf Start.

Ermuntert durch die neugierigen Blicke des Fremden, schiebt der Junge schließlich einen seiner beiden Kopfhörer dem Ausländer ans Ohr. "I can’t get no satisfaction", röhrt Mick Jagger. Diese Musik sei, gibt der Rolling-Stones-Fan ungerührt zu, im kommunistischen China zwar eigentlich immer noch verboten. "Aber hier in Shenzhen kümmert sich um solche Dinge schon lange keiner mehr."

Mit eben sechzehn Jahren wissen die beiden bereits genau, was sie wollen: möglichst schnell durch Schule und Universität, anschließend möglichst ein eigenes Unternehmen gründen und möglichst viel Geld verdienen. Ihre Idole? Weder der Große Vorsitzende Mao noch der Vater der Wirtschaftsreformen, Deng Xiaoping. Auch nicht die Studenten der von Panzern und Maschinengewehren niedergemachten demokratischen Bewegung. "Am besten gefällt mir Alexis Colby aus der Fernsehserie ‚Denver Clan‘", sagt das Mädchen.

Ihre Träume? Ein mobiles Telephon, ein westliches Luxusauto, eine Villa. Schicke Kleider, teure Restaurants und überhaupt auf nichts im Leben verzichten müssen. "Here everything possible", strahlt die künftige Jungunternehmerin. Vor anderthalb Jahrzehnten noch hätte ihr wegen solcher bourgeoiser Ziele mindestens das politische Umerziehungslager gedroht. Heute wiederholen die chinesischen Wirtschaftswunder-Kinder nur das, was Uraltgenosse Deng Xiaoping persönlich am Ende seines langen Lebensmarsches öffentlich erkärt hat: "Es ist herrlich, reich zu sein."

Wenn Shenzhen das Zukunftsmodell für die ganze Volksrepublik China ist, muß sich der Rest der Welt auf einiges gefaßt machen. Vor wenig mehr als einem Jahrzehnt noch war Shenzhen nichts als eine verschlafene und wegen ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zur britischen Kronkolonie Hongkong scharf kontrollierte Stadt. Seitdem hat sich die Zahl der ehemals 100 000 Einwohner mehr als verzwanzigfacht. Aus den meist armen Bauern und Fischern sind gewiefte Privatunternehmer geworden, ihre schäbigen Hütten haben Hochhäusern aus Stahl, Chrom, Glas und Marmor Platz gemacht. Schwerfällige Wasserbüffel vor hochrädrigen Karren gibt es in Shenzhen nur noch auf vergilbten Postkarten für Touristen. Dafür wabern zur rush-hour in den Straßen die Abgase hubraumstarker ausländischer Autos. Auf mindestens 10 000 schätzt ein Funktionär der Stadtverwaltung die Zahl der tragbaren Telephone, die als Symbol des neuen Wohlstands stets mitgeschleppt werden und deren schrilles Klingeln allgegenwärtig ist.

Shenzhen ist heute weder ein Einzelfall noch durch seine geographische Nähe zu Hongkong besonders bevorzugt. Alle südchinesischen Sonderwirtschaftszonen, in denen zu Beginn der achtziger Jahre die kapitalistischen Reformexperimente der chinesischen Kommunisten begannen, haben die in sie gesetzten Erwartungen bei weitem übertroffen. Die Provinz Guandong (Kanton) etwa haben die Wirtschaftsreformer um Deng Xiaoping auf dem 14. Parteitag im vergangenen Oktober als leuchtendes Beispiel dafür genannt, daß die Laborphase der "sozialistischen Marktwirtschaft" auf kleinstem geographischen Raum längst überwunden ist. Mit fast 65 Millionen Einwohnern leben in Guandong mehr Menschen als in den meisten europäischen Ländern. Das Bruttosozialprodukt – das gemäß der von Peking vorgegebenen Berechnungsformel Dienstleistungen unberücksichtigt läßt – ist in jedem der vergangenen zehn Jahre um 124 Prozent nach oben geschnellt. In dem um 10 Millionen Menschen kleineren Wirtschaftswunderland Thailand erreichte das durchschnittliche Wachstum im gleichen Zeitraum nur 7,5 Prozent.

Anfangs waren es fast nur arbeitsintensive Industriezweige gewesen, die ihre Produktion nach Südchina ausgelagert hatten. In den dortigen Sonderwirtschaftszonen, die seit Ende der siebziger Jahre, abgetrennt vom realen chinesischen Kommunismus, das Spiel mit dem kapitalistischen Feuer erproben durften, liegen die Löhne mit heute etwa hundert Dollar im Monat noch immer um gut sechzig Prozent niedriger als in Hongkong.