Napoleon merkte einst an: "Die Musik hat von allen Künsten den tiefsten Einfluß auf das Gemüt. Ein Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten unterstützen." Mit dem tiefen Einfluß der Musik aufs Gemüt mußte sich vor kurzem auch ein deutsches Gericht befassen, und bevor dessen Wahrspruch unter dem Aktenzeichen 32 C 977/92-19 vergilbt, wollen wir ihn im Lichte der vor uns liegenden Reisesaison wie auch ganz allgemein noch einmal würdigen.

Ein Ehepaar hatte geglaubt, seine Sehnsucht nach den "Perlen der Karibik" durch Buchung einer Kreuzfahrt stillen zu können. Wie das Leben so spielt, waren außer dem erwähnten Paar aber noch 598 andere Passagiere an Bord, 500 davon Mitglieder eines Schweizer Vereins der Volksmusikfreunde. Und die – mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen, wie unser Gorch Fock sagte – wußten es zu arrangieren (Mehrheit ist Mehrheit!), daß statt Reggaebands Ländlerkapellen von früh bis spät die Begleitmusik zur Karibik lieferten. Während das Schiff die blaue See durchpflügte, wurde selbst ein lateinamerikanisches Mitternachtsbüfett folkloristisch von jenen kernigen Darbietungen umrahmt, die der Anhänger des Schwyzer Sennendeutschs so schätzt, daß er es nirgends missen mag.

Kurz und gut: Unser Ehepaar, das zu jenen Liebhabern der Klänge, die im Schatten des ewigen Gletscherfirns geröchelt und gejodelt werden, nicht gehörte, fand ein Amtsgericht mit Verständnis für die Phobie gegen unpassende Folklore und erhielt ein Drittel des Reisepreises als Ausgleich für die Wertminderung seiner karibischen Perlensuche zugesprochen.

Noch lieber hätten wir allerdings gehört, daß der Schweizer Verein der Volksmusikfreunde dazu verdonnert worden wäre, in einem heimischen Alpendorf an einer Racletteparty teilzunehmen, bei der zu Rumbaweisen getanzt wird.

Natürlich kann ein deutsches Amtsgericht derartige Strafen nicht verhängen. Es ist schon wundersam genug, daß jenes sensible Ehepaar Recht erhalten hat. Denn ist es nicht erstrebenswert, ja von völkerverbindendem Wert, wenn sich fremde Kulturen begegnen und auf derart sinnige Weise, jedenfalls vorübergehend oder doch -schwimmend, verschmelzen? Und erleben wir nicht alle Tage, daß uns zwei völlig unterschiedliche kulturelle Schöpfungsakte, wie zum Beispiel ein Menü und eine Komposition, zusammen serviert werden?

Bei Frau W. hat das nach regelmäßigen Besuchen in einem bestimmten Restaurant dazu gefühlt, daß der Genuß von Rindergeschnetzeltem in Sahnesauce für sie ohne den "Frühling" aus Antonio Vivaldis Konzert "Die vier Jahreszeiten" ganz unvorstellbar geworden ist. Wie auch jene Vivaldi-Komposition ohne Geschnetzeltes.

Zugegeben liegt dieser Fall anders als bei der Mesalliance zwischen dem Schweizer Ländler und dem lateinamerikanischen Büffet. Denn wer unter einer Idiosynkrasie gegen die Kombination von Vivaldis "Frühling" und Rindergeschnetzeltem leidet, kann jenes Restaurant verlassen oder meiden. Die Chance hatte unser Ehepaar auf der Kreuzfahrt in der Karibik nicht. Da ein Schiff keinen Notausgang und Wasser bekanntlich keine Balken hat, mußten die beiden "von früh bis spät", wie es im Urteil heißt, unter dem Holldriho leiden und konnten erst später klagen.