... Johannes Raus „Levon Rüdiger Reitz und Manfred Zabel in einem mit Photos gut bebilderten Buch zusammengestellt (Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1992; 240 S., 45- DM). Das Kapitel über Raus Eintritt in die Sozialdemokratische Partei – zusammen mit Gustav Heinemann und Helene Wessel, heute vor 36 Jahren – hat mich besonders gefesselt. Es enthält Zeitschriftenartikel von Rau aus den späten fünfziger Jahren. Er wollte aus christlicher Verantwortung eine andere Außen- und Sicherheitspolitik als damals Adenauer, Blank und Strauß, deren Weg er als in die Gefahr eines atomaren Krieges gerichtet empfand; dafür war eine geschlossene und starke Opposition nötig, die er nur gemeinsam mit der Sozialdemokratie erhoffen konnte. Es hat mehr als ein Vierteljahrhundert gedauert, bis die Kombination von Bündnis-, Ost- und Nachrüstungspolitik die Sowjetunion und den Westen gemeinsam zur tatsächlichen Abrüstung geführt und dadurch dieses Motiv Heinemanns und Raus seine Erfüllung gefunden hat.

Rau wollte zum anderen 1957 den Monopolanspruch der CDU/CSU auf christlich gebundene Wähler überwinden und hoffte auf den inneren Gesinnungswandel der SPD in Richtung auf Achtung und Respektierung religiöser Grundentscheidungen im allgemeinen und auf Einbeziehung der christlichen Ethik im besonderen. Diese Hoffnung wurde schon zwei Jahre später durch das Godesberger Grundsatzprogramm erfüllt; für die entscheidende Aussage hatte Kurt Schumacher bereits 1952 die Weichen gestellt.

Johannes Raus Texte aus jener Zeit lassen den politisch engagierten Christen sehr klar erkennen, viel deutlicher, als er in der alltäglichen Praxis des Sechzehnstundentages eines Ministerpräsidenten erkennbar werden kann. Aber auch aus den Stücken aus der allerletzten Zeit spricht der Christ Rau und nicht nur der Politiker. Weil ich selbst, unter dem bösen Eindruck Hitlers, mich während des Krieges bewußt der Kirche zugewandt habe und außerdem bei Kriegsende unter dem Einfluß eines älteren Kameraden, eines religiösen Sozialisten, Sozialdemokrat geworden bin, deshalb gehen mir die frühen Texte meines „Bruders Johannes“ besonders zu Herzen.