Von Michael Thumann

Andrej Gurkow hat eine Marktlücke entdeckt. Seine Vision von Rußland langweilt uns nicht mit den überall feilgebotenen Untergangsbildern: keine Litanei über verheulte Babuschkas, skrupellose Mafiosi und berstende Atommeiler. In seinem schwungvoll geschriebenen Buch führt der Leiter der deutschen Ausgabe von Moscow News selbst vor, was er von seinen Landsleuten in der Krise erwartet – geistige Beweglichkeit. Er zeigt auf das Licht am Ende des Tunnels: "Rußland hat Zukunft".

Gurkows gnädiger Blick auf seine Heimat hat aber dennoch streitbare Züge – etwa wenn er auf Gorbatschow zu sprechen kommt. Den letzten sowjetischen Präsidenten vergleicht er mit Kolumbus, der "an ganz anderen Ufern landen wollte, aber für seinen grandiosen Irrtum noch fünfhundert Jahre später den Dank der Menschen erntet". Gorbatschows Indien war der Kommunismus, den er zu reformieren gedachte. Statt Erneuerung aber erreichte er – wider Willen – dessen Ende.

Seit dem Scheitern des Putsches im August 1991 ist Rußland auf dem Weg nach oben, meint Gurkow. Mit der typischen Radikalität eines Abgefallenen (Gurkow war bis Anfang 1991 KP-Mitglied) heißt er alles gut, was vom Kommunismus wegführt. Jelzins Freigabe der Preise bekommt beste Noten. In Rußland habe eine neue Zeitrechnung begonnen: Das "Geld" regiere. Wie einst die Sänger der bolschewistischen Revolution den "neuen Menschen" herbeidichteten, so schwärmt Gurkow vom "Mann mit dem Rubel" – er meint die erst zwanzig- und dreißigjährigen russischen Geschäftemacher. Ein ganzes Kapitel widmet er den Biographien seiner Helden – Banker, Börsianer und Bisnessmeny. Sie würden Rußland sanieren und schließlich in eine "Industrieweltmacht" verwandeln. Kein Zweifel? Kein Zweifel!

Gurkows Begeisterung wirkt, als wolle er außer dem Leser auch sich selbst überzeugen. Den möglichen Einwand, Rußlands inflationärer "Boom" komme doch nur wenigen Glücksrittern zugute, während die Masse des Volkes in Armut dahinvegetiere, schiebt er kaltschnäuzig beiseite. "Die Rettung der Ertrinkenden ist die eigene Sache der Ertrinkenden", zitiert er aus einem satirischen Roman der zwanziger Jahre. Die Menschen, die in Moskaus Straßen stehen und ihre Habe verkaufen, um sich ein Stück Käse leisten zu können, sind für Gurkow ein "fürchterlicher und herrlicher Anblick" zugleich.

Mit diesem euphorischen Schaudern beobachtet er sämtliche Auswüchse in seinem Land. Der unkontrollierbare Waffenverkauf der Armee, die Korruption in Industrie, Verwaltung und Regierung, die organisierte Kriminalität – das ist für Gurkow alles nur "wucherndes Unkraut im zukünftigen Gemüsegarten". Es sei doch gleich, ob das Geld von der Mafia oder von der Partei komme – Hauptsache, es werde investiert.

Die neue Liberalität kommt Gurkow zufolge auch der Kunst zugute. Er wendet sich gegen die Meinung vieler Künstler und Kritiker, daß Rußland kulturell ausblute. Nach langer Bevormundung dürfe endlich "Kunst wieder Kunst" sein. Was das heißt, bleibt unklar. Einerseits behauptet er, die Zeichen stünden gut für elitäre Kunst – andererseits beschreibt er, wie die Menschen auf Videofilme mit Arnold Schwarzenegger fliegen. In einem "demokratischen Land" wollten die Menschen eben "keine Kolchosmelkerinnen mit familiären Problemen, sondern flotte Girls mit sexuellen Wünschen" sehen. Der Hedonismus zerstöre den Kommunismus.

Amerika und sein way of life sind die Therapie, an der Rußland genesen und zur Weltmacht wiedererstarken soll. Im amerikanischen Wilden Westen hätten bei der "ursprünglichen Akkumulation" auch rauhe Sitten geherrscht. Gurkow vergißt nur zu erwähnen, daß zur Zeit der rauchenden Colts im Westen an der Ostküste der USA längst ein stabiles demokratisches System herrschte. Davon kann aber in Rußland nicht die Rede sein.