Masl im Shlamasl

Wie schafft man es, aus 6500 Stunden Tonbandaufnahmen und weit über zwei Millionen schriftlichen Antworten einen „Jiddischen Sprach- und Kulturatlas“ zu erstellen? Man gewinnt den Computerlinguisten Wolfgang Putschke mit seiner Abteilung Linguistische Informatik an der Marburger Universität als Mitarbeiter nebst den Datenverarbeitern am Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Genau das tat die Columbia Universität in New York, als die Auswertung der Befragung von jiddischsprechenden Juden in aller Welt nicht recht vorankam (sozusagen ein shlamasl drohte). Der erste des auf zehn Bände geplanten Projektes liegt vor – und viele Sprachwissenschaftler werden davon profitieren. Denn Jiddisch, die Sprache der Juden in Mittel- und Osteuropa, war äußerst kontaktfreudig. Seine Grammatik gründet auf mittel- und oberdeutschen Dialekten, der Wortschatz setzt sich aus hebräischen, aramäischen, slawischen, romanischen und englischen Elementen zusammen. Im 20. Jahrhundert erlebte das Ostjiddische eine literarische Blüte – bis hin zum Nobelpreisträger Isaac B. Singer. Jetzt rekonstruiert der Computeratlas eine Kulturlandschaft, die mit der Vernichtung des europäischen Judentums untergegangen ist.

Neue Heimat in der Fremde

Nach Schätzungen vom Jahresbeginn leben inzwischen 15 000 bis 20 000 jüdische Immigranten aus der GUS in Deutschland. Im Herbst 1992 begann eine umfassende Untersuchung über ihre „soziale Integration“ und „kulturell-religiöse Selbstbehauptung“ durch das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam und das Duisburger Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut. Wichtigstes Zwischenergebnis: Zwar halten 89,6 Prozent der Befragten den Rechtsextremismus für bedrohlich, doch 87,5 Prozent sind entschlossen, in Deutschland zu bleiben. Fast alle sehen den Grund für antisemitische Parolen und Ausschreitungen in sozialen und politischen Problemen und nicht gegen einzelne Personen gerichtet.

Vorbildliche Subkultur

Nie zuvor ist im In- und Ausland so intensiv über die Geschichte der deutschen Juden geforscht worden. Trade Maurer hat sich der Herkulesarbeit unterzogen, die gesamte Literatur zwischen 1981 und 1991 über „Die Entwicklung der jüdischen Minderheit in Deutschland (1780-1933)“ nach Sachgebieten zu ordnen und inhaltlich vorzustellen (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 4. Sonderheft, Verlag Max Niemeyer, Tübingen). Augenfällig ist das wissenschaftliche Bemühen, Juden nicht länger als Opfer, sondern als Handelnde zu sehen. Das wirft neues Licht auf die „deutsch-jüdische Symbiose“, die im 19. Jahrhundert begann. Selbst nicht-gläubige Juden weigerten sich, die Assimilation mit dem Verzicht auf ihre jüdische Identität zu bezahlen. So entstand trotz weitgehender gewollter Angleichung an die Kultur der Mehrheit etwas Drittes, eine deutsch-jüdische Subkultur. Für amerikanische Sozialwissenschaftler ein frühes Modell von „ethnischem Pluralismus“.