Von Ralph Geisenhanslüke

Die sechs Vermummten stürmen abends nach der Vorstellung ins Sputnik-Kino. Sie sprühen dem Vorführer Reizgas ins Gesicht und drohen, ihn umzubringen, wenn er sich wehre. Dann übergießt das „Kommando Filmriß“ die Spulen des zuvor gezeigten Films mit Säure und hinterläßt ein Bekennerschreiben, das den zerstörten Film als „rassistisch“ und „sexistisch“ bezeichnet. Es handele sich nicht um eine Satire. Im Fall weiterer Vorführungen werde man „alles kaputtschlagen“. Die Meldung beschäftigt am nächsten Tag die deutschen Feuilletons. Eine bessere Publicity hätte sich der Filmemacher Christoph Schlingensief für „Terror 2000“ nicht wünschen können. Schlingensiefs Komödie zeigt ein böses Bild der Bundesrepublik anno 1992: mit grölenden Nazis, Raub, Mord und, Vergewaltigung. Die Mitarbeiter des Sputnik hatten unliebsamen Besuch eher von rechts erwartet.

In Fragen der cineastischen Norm gelten in Berlin offenbar zweierlei Maßstäbe: Das „Nolympia-Video“, mit dem Berliner Olympiagegner den 91 IOC-Mitgliedern die Entscheidung gegen Berlin erleichtern wollten, wurde als Satire verteidigt, nachdem es in die politische Kontroverse geriet. Die zehnminütige Videocollage zeigt marode Sportstätten, einen Bundespräsidenten, der in Deckung gehen muß, die Proteste gegen die IWF-Tagung 1988, Hitler-Reden von 1936 und reichlich Blaulicht.

Der Film soll nach Worten von Judith Demba ein „Hinweis auf die vielfältige Demonstrationskultur“ in der Stadt sein. Die sportpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/AL hat das Video mitproduziert. Sie sagt, die umstrittene Schlußszene sei mittlerweile geändert worden: Ein Vermummter hatte vor der Kamera mit einem Stein zum Wurf ausgeholt – unterlegt mit dem Text: „Wir warten auf euch.“

Was rechts ist und was links, was gut und was böse – das ist nicht erst seit der Aktion „Saubere Leinwand“ unklar. Immer häufiger trifft die sogenannte autonome Gewalt nicht mehr die früheren Ziele wie Bullen, Banken und Behörden. Anschläge, oft aus wirren Motiven, treffen Kleinkinos, Restaurants, kleine Gewerbetreibende oder Unbeteiligte. Einige Beispiele:

  • Am 6. Oktober 1992 stürmen an die zwölf Personen das Restaurant „Auerbach“ in der Köpenicker Straße. Sie verschütten Fäkalien, faules Fleisch und Pferdemist. Die Eingangstür wird mit einem Fahrradschloß versperrt. In dem Bekennerschreiben heißt es, viele Wohlhabende kämen nach Kreuzberg, um in einem „Ambient sauvage“ fein zu speisen. Für ein Menü gäben sie dabei so viel aus wie die Verfasser für das Essen eines Monats.
  • Einige Tage später betreten drei Männer mit Motorradkappen das Restaurant „Exil“ am Paul-Lincke-Ufer, schütten einem Angestellten Fäkalien über den Kopf, versprühen Reizgas und Buttersäure. Sie zerschlagen die Scheiben des Restaurants und flüchten mit der Kasse. Kurz darauf brennen in der Nähe zwei Autos, sie gehören einem Österreicher und einem Türken. Das Lokal existiert dort seit zwanzig Jahren.
  • Am 11. Oktober 1992 werden dreißig Autos auf dem Parkplatz eines Opel-Händlers in der Kreuzberger Oranienstraße demoliert, im gleichen Monat werden von 23 Personenwagen an der Skalitzer Straße Spiegel, Antennen und Scheibenwischer abgebrochen. Flugblätter fordern, Kreuzberg zur „Todeszone für Spekulanten und Yuppie-Schweine“ zu machen. In einer Kiezzeitung heißt es weiter: „Immer mehr Yuppie-Kacknasen tauchen in ‚unseren‘ Vierteln auf. Ihr Aushängeschild sind oftmals ihre Luxuskarossen, die auch abends im Kiez zu sehen sind.“ Als Ziel werden der „Proletarischen Justiz“ die Mercedes-S-Klasse, 7er-BMW, Porsche, Jaguar und Rolls-Royce empfohlen. „70 000 bis 100 000 Mark sollten sie schon mindestens kosten.“ Von den 33 „Nobelkarossen“, die im vergangenen Jahr in Brand gesteckt wurden, erfüllten nur acht Mercedes, vier Porsche und vier BMW die genannten Voraussetzungen. Bei den anderen siebzehn handelte es sich um VW oder Opel, die zudem oft türkischen Familien gehörten.
  • Am 19. Januar dieses Jahres reißen drei Vermummte an einer Ampel in der Prinzenstraße die Beifahrertür eines Mercedes auf und schütten einen Zehnlitereimer Fäkalien hinein. In einem Selbstbezichtigungsbrief schreiben sie: „Kreuzberg muß für alle, die uns hier ans Leder wollen, ein heißes Pflaster werden.“ Im Wagen saß ein österreichischer Geschäftsmann.
  • Eine Woche später werden im Bezirk Mitte an 46 Fahrzeugen der Telekom die Reifen aufgestochen und einige der Wagen, die Pro-Olympia-Aufkleber tragen, mit Parolen besprüht.

Schon vor der Maueröffnung gab es in Kreuzberg Anschläge gegen unliebsame Nachbarn: Den Anfang der Kübel-Aktionen erlitt im September 1987 das Restaurant „Maxwell“. In der tageszeitung erschien später eine Dokumentation des Tathergangs. Die Täter hätten demnach einen obdachlosen Freund, der auf einem Dachboden hauste, tot aufgefunden. Er habe sich dort wochenlang von Hundefutter und Dosenbier ernährt. Aus Wut und Verzweiflung hätten sie seine Fäkalien zusammengekehrt und in das Restaurant geschafft. toz-Redakteure bezweifeln den Wahrheitsgehalt dieser Darstellung.