Von Heinz Blüthmann

José Ignacio López de Arriortua – allein dieser Name steht schon für ein volles Programm. Aber der Spanier López mit dem schon legendären Kostenkiller-Image ist nur Teil einer Veranstaltung, die in der Geschichte der deutschen Industrie so bisher nicht vorkam: Auf einen Schlag hat der neue Volkswagen-Chef Ferdinand Piëch, der selbst erst am Jahresanfang im Wolfsburger Hauptquartier des größten europäischen Autoherstellers antrat, fast die gesamte alte Vorstandsriege gekippt, degradiert oder umbesetzt. Sein wichtigster neuer Mann heißt López.

Seit Dienstag dieser Woche, als der Aufsichtsrat in seiner ersten Sitzung dieses Jahres die Revolution von oben absegnete, läuft bei Volkswagen nur noch wenig wie gehabt. Der dramatische Wandel, den das neue Spitzenmanagement für den Konzern bedeutet, kann nur verglichen werden mit dem historischen Modellwechsel vom viel zu lange produzierten Käfer auf den ersten Golf. Damals drohte Volkswagen durch eine selbstverschuldete Absatzkrise unterzugehen, heute bringen die – ebenfalls wegen eigener Fehler – viel zu hohen Kosten das Unternehmen in Gefahr.

Obwohl im vergangenen Jahr der Konzernumsatz immerhin um knapp dreizehn Prozent auf Rekordhöhe wuchs und Volkswagen mehr Autos baute und verkaufte als jemals zuvor, stürzte der Gewinn ab: Gerade 147 Millionen Mark blieben nach Steuern übrig – in den Jahren davor waren es jeweils über eine Milliarde Mark gewesen. Die Dividende für 1992 wird deshalb von elf auf zwei Mark je Aktie zusammengestrichen. Piechs Vorgänger Carl H. Hahn machte Volkswagen durch Zukauf von Seat und Skoda zwar zum Marktführer in Europa, verlor dabei aber die Kosten aus den Augen. Im Kerngeschäft, also dem Bau und Verkauf von Autos, verlor der Konzern im vergangenen Jahr sogar Geld – 1,1 Milliarden Mark.

Weil der Autoboom erst einmal zu Ende ist, verschlechtert sich die Ertragslage rapide. Beim Kampf gegen die zu hohen Kosten muß Piëch deshalb aufs Tempo drücken. Es gilt, die Produktivität – im Branchenvergleich rangiert sie für die meisten Werke am untersten Ende – zu erhöhen, mehr einzukaufen statt selber herzustellen, die Teilevielfalt bei den Modellen der Konzernmarken VW, Audi, Seat und Skoda zu reduzieren und die Einkaufspreise drastisch zu senken. Und dafür hat Piëch nun den Mann mit dem besten Renommee weltweit angeheuert – den spanischen Maschinenbauingenieur López.

Dem 52jährigen aus dem Baskenland eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Mit ungewöhnlichen und ungewöhnlich rüden Methoden setzt er seit 1987 die gesamte Zulieferindustrie der Autobranche in Angst und Schrecken. Damals wurde er zum Einkaufschef der General-Motors-Tochter Opel in Rüsselsheim berufen, und schon bald danach murrten selbst große Zulieferer wie Bosch und Teves über die gnadenlose Härte des Spaniers.

Schnell verdiente er sich die Titel "Würger von Rüsselsheim" und "Großinquisitor". Lieferverträge gelten ihm nicht allzuviel, wenn Konkurrenten billiger anbieten. Und oft taucht López selbst an den Fertigungslinien seiner Zulieferer auf und läßt sie binnen weniger Tage mit hohem Produktivitätsgewinn umbauen. Schon als Zehnjähriger trieb er sich am Arbeitsplatz seines Vaters in Fabriken bei Bilbao herum, wo er nach eigenem Bekenntnis "von den Arbeitern mehr lernte als an der Universität".