Von Heinz-Günter Kemmer

In der guten alten Zeit, als zur Herstellung einer Tonne Roheisen noch 800 Kilogramm Koks gebraucht wurden, kaufte allein die Stahlindustrie mehr Kohle, als der Bergbau heute insgesamt fördert. 1957 wurden in der Bundesrepublik nur für die Hochöfen beinahe fünfzig Millionen Tonnen Koks produziert; und da man je Tonne Koks etwa 13 Tonnen Kohle gebraucht, entsprach das einer Förderung von 65 Millionen Tonnen – für die Bergleute von heute nur noch ein Traum.

Inzwischen kommt man im Hochofen mit der halben Menge Koks aus, aber trotz dieses gewaltigen technischen Fortschritts war die Stahlindustrie noch bis zum Jahre 1981 der beste Kunde des Bergbaus, wenn man die Lieferungen an die Stahlhütten in anderen Ländern der EG dazuzählt. Bei der Gründung der Ruhrkohle im Jahr 1968 hatten sich die Hüttenwerke verpflichtet, ihren Bedarf an Koks und Kokskohle ausschließlich bei der Einheitsgesellschaft zu decken.

Gleichzeitig verpflichtete sich die öffentliche Hand, Differenzen zwischen dem jeweiligen Weltmarktpreis für Kokskohle und dem Listenpreis der Ruhrkohle durch Zuschüsse auszugleichen – die deutschen Stahlunternehmen sollten durch die Verpflichtung zum Bezug deutscher Kohle nicht in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt werden. Diese Zuschüsse gab es im übrigen auch für Lieferungen in andere Länder der Europäischen Gemeinschaft, so daß der deutsche Steuerzahler auch den Einsatz von Ruhrkohle in holländischen Hochöfen Subventionierte – zum Wohle des deutschen Bergbaus. Bis zu fünf Milliarden Mark im Jahr sind für die sogenannte Kokskohlenbeihilfe gezahlt worden.

Erst mit dem Jahrhundertvertrag zwischen Bergbau und Elektrizitätswirtschaft, der den Kohleabsatz an die Kraftwerke bei rund vierzig Millionen Tonnen im Jahr stabilisierte, verlor die Stahlindustrie ihre Position als bester Kunde des Bergbaus. Und von da an ging es rapide bergab – zumal die Subventionszahlungen für Lieferungen in das europäische Ausland zunächst eingeschränkt und schließlich ganz eingestellt wurden. Aus 13 Millionen exportierten Tonnen im Jahr 1980 wurden 1,7 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr -1993 laufen die Lieferungen völlig aus.

Das alles hat den Bergbau nicht unvorbereitet getroffen – in vielen sogenannten Kohlerunden ist darüber mit der Politik Einvernehmen erzielt worden. Der Hüttenvertrag, der die Beziehungen zwischen Bergbau und Stahlindustrie regelt, sieht keine Mengengarantien wie der Jahrhundertvertrag vor. Er ist vielmehr ein Bedarfsdeckungsvertrag. Und das Risiko des sinkenden Bedarfs trägt der Bergbau ganz allein.

Aber die Zechengesellschaft geht bei ihren Planungen natürlich von gewissen Annahmen aus, sie versucht den Absatz der Stahlunternehmen in den kommenden Jahren einzuschätzen. Schon während der Kohlerunde 1991 ist man zu der Erkenntnis gekommen, daß der Bedarf der Stahlunternehmen in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre auf fünfzehn Millionen Tonnen jährlich sinken werde. Darauf war die Förderplanung der Ruhrkohle eingestellt.