Von Fritz Vorholz

Alles war umsonst. Erst suchte die Branche unter dem Motto "Chemie im Dialog" ihr Image aufzupolieren. Jetzt steht die ganze Zunft am Pranger. Acht Störfälle binnen dreier Wochen allein bei Hoechst, ein Todesopfer und ein Schwerverletzter als vorläufiger Schlußpunkt am vorigen Montag – wer will den frommen Sprüchen der Chemiemanager noch glauben?

PR ohne Grenzen: 125 Jahre BASF -125 Jahre Umweltschutz, schallte es aus Ludwigshafen. Gefahren würden vermieden, Risiken "soweit wie irgend möglich verringert", beteuerte Bayer. Gesetzliche Auflagen seien überflüssig, mahnte der Chemieverband, die Branche ergreife freiwillig "die notwendigen Maßnahmen". Und selbstverständlich verkündete auch Wolfgang Hilger, der Vorstandsvorsitzende von Hoechst, noch vor kurzem, Umweltschutz bedeute für die Chemie auch, "Arbeitsschutz und Anlagensicherheit weiter zu verbessern". Eigentlich hätte gar nicht passieren dürfen, was jetzt Hoechst ereilte, aber auch einen anderen Konzern hätte treffen können. Nun stehen die Chemiemanager vor einem "Rätsel". Hilger redet, fast kleinlaut, von einer "Pechsträhne".

Das ist verräterisch und falsch zugleich. Verräterisch, weil es im Umkehrschluß bedeutet, daß bisher nur Glück die Menschen hierzulande vor einer Katastrophe bewahrt hat. Und falsch, weil wirkliches Pech bedeutet hätte, daß sich Bhopal oder Seveso am Rhein oder Main wiederholten. Doch was in den vergangenen drei Wochen geschah, war nicht das Tschernobyl der Chemieindustrie. So makaber es klingen mag: Selbst das Schicksal des Schichtführers, der bei der Explosion vom Montag zerrissen wurde, ändert nichts an der Tatsache, daß die Chemiebetriebe mit jährlich 37 tödlichen Arbeitsunfällen (1990) zu den vergleichsweise sicheren Arbeitsstätten in Deutschland gehören. Auf Baustellen beispielsweise lassen jedes Jahr weit mehr Arbeiter ihr Leben: 260 waren es im Jahr 1990.

Deshalb führt auch der flotte Ruf der Politiker nach strengeren Auflagen und besseren Kontrollen in die Irre. Dem von Zweifeln geplagten Volk suggerieren sie damit die Möglichkeit einer Sicherheit, die es zumindest sehr bald nicht geben wird. Solange hochgiftige Substanzen in Tausenden von Druckkesseln brodeln, solange fehlbare Menschen diese Anlagen konstruieren und bedienen, so lange läßt sich auch mit besseren Gesetzen und Kontrollen das Risiko riesiger Unfälle allenfalls ein wenig verringern, nicht aber ausschließen.

Die Konsequenz daraus kann nur lauten: Entweder auf Hunderttausende Arbeitsplätze und auf die Segnungen der Chemieindustrie zu verzichten, weil eine "fehlertolerante" Alternative noch in weiter Ferne liegt; oder aber sich mit der beschönigend als "Restrisiko" bezeichneten Gefahr als Preis des Wohlstandes abzufinden.

Den Umgang mit dem Risiko hat die Menschheit über Jahrtausende erprobt. Jeden Tag wägen heute Millionen Menschen zwischen Chancen und Gefahren ab – setzen sich beispielsweise hinters Steuer, zünden sich Zigaretten an, trinken Alkohol. Obwohl die Menschen dadurch im statistischen Mittel ihr Leben verkürzen, gehen sie die Risiken ein, weil sie glauben, sie könnten sie selber einschätzen, beherrschen oder eigenverantwortlich in Kauf nehmen.