Sollte man zufällig keine wenigstens nebenberuflich praktizierende Lesbierin sein, hat man in diesem Buch nichts verloren und wenig zu gewinnen. Allzu privat geht es zu, eine Körperlichkeit, die reine Frauensache ist. Dazu Sätze, wie sie sich die alten Männer im Jacobs-Kaffeekränzchen gern genießerisch aufsagen: „Was ich suchte, war die perfekte Paarung; der von keinem Schlaf unterbrochene, gewaltige Nonstop-Orgasmus.“ Dabei giert „Auf den Körper geschrieben“ nach Aufmerksamkeit; der Roman der 34jährigen englischen Autorin ist in Teilen eine Klatschgeschichte aus der besten Londoner literarischen Gesellschaft. Wer wollte, konnte sie bereits – raffinierter erzählt und besser getarnt – bei Julian Barnes in „Darüber reden“ lesen.

Doch nicht etwa um seine Tratschlust zu stillen, soll man diesen Roman lesen, nein-o-nein, sondern weil Jeanette Winterson, so steht es jedenfalls auf dem Buchumschlag, „aufs neue eine Sprache der Liebe erschaffen“ hat. Das hört man gern, mag es aber nicht recht glauben.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten wurde Erich Segal der Sprachlosigkeit der Liebe inne, als er den erzenen Satz prägte, Lieben heiße, nie um Verzeihung bitten zu müssen. Etwas später suchte und fand Roland Barthes, zusammengelesen aus der Weltliteratur (Euro-Abt.), immerhin „Fragmente einer Sprache der Liebe“.

Anders als das Elend läßt sich das Glück der Liebe nicht recht abschildern. Der Morgenspaziergang im taufeuchten Gras; das gegenseitige Füttern mit Hühnerschenkeln; der schlafraubende Nonstop-Orgasmus: diese kostbaren Erlebnisse tendieren leider Gottes zum Kitsch, wenn sie nicht bewahrt bleiben zwischen den Laken und den beiden, die’s allein angeht. Erst im drohenden Verlust, an einen Konkurrenten oder eine tücksche Krankheit, wird die Liebe so ernst, daß man auch von ihr erzählen kann. Von Louise z.B.

Louise findet die namenlose Ich-Erzählerin nach einigem freibeuterischen Wildern mit Jacqueline, Inge, Bathseba u.a. Louise ist eine präraffaelitische Schönheit, rothaarig, ebenmäßig, geradenwegs einem Gemälde von Edward Burne-Jones entstiegen (den man bei Fischer ebenso wenig richtig schreiben kann wie die Präraffaeliten). Aber ach, Louise, die schöne Louise, sie ist verheiratet, mit Elgin (man verkehrt, wie gesagt, nur in den besten Kreisen), einem Krebsforscher, auf den schon der Nobelpreis wartet. Louise und die Erzählerin werden gleichwohl ein Liebespaar. Ziemlich genau in der Romanmitte sagt Louise den großen Satz in der guten alten Sprache der Liebe: „Ich lasse dich nie wieder fort.“

Wo alles aufs beste bestellt scheint, muß nach alter Weise die Tragödie einbrechen. Ein bösartiger Krebs hat die schöne Louise in den Scheren, und der betrogene Ehemann erlebt seinen letzten Triumph. Wie bei Jennifer in der „Love Story“ ist es Leukämie, allenfalls der tumbe ehemännische Spezialist in der Lage, den Verfall hinauszuschieben. Um ihr das Leben zu retten, verläßt die Erzählerin die Geliebte. In der Ferne studiert sie nun statt Louises Körper medizinische Handbücher, wird Totenvogel in Krebsstationen, will alles, alles über die Krankheit erfahren, will mitleiden, mitsterben. Louise entgleitet ihr dennoch.

Nicht einmal der Schmerz erschafft die versprochne neue Sprache, wo es neue Sprachen bei der UNO in New York fünf für’n Vierteldollar gibt. Am besten ist Jeanette Winterson, wenn sie sich auf alte Sprachen verläßt, zum Beispiel aufs Hohelied: „Meine Geliebte ist eine Küche, in der ein Rebhuhn brät.“ Oder bei praktischer Lebenshilfe: „Die Liebe in freier Natur ist nur in Filmen und in Country- und Westernsongs schön, in Wirklichkeit ist es eine kratzige Angelegenheit.“ Oder vom kurzen Sommer der Anarchie erzählt, als man Pissoirs in die Luft sprengen mußte, um gegen das Patriarchat zu demonstrieren.