Von Hans Harald Bräutigam

Wenn Fachleute auf ihren Tagungen über neue Präparate für die Säuglingsernährung diskutieren, fehlt nie die Anmerkung, daß Muttermilch das beste sei. Das ist ja auch völlig richtig, allerdings oftmals nur ein Lippenbekenntnis und die Eröffnung eines Arguments: Wenn Muttermilch das beste ist, dann muß die künstliche Babynahrung diesem Ideal auf chemischem Wege angeglichen werden. Diese Botschaft liegt wie zufällig im Interesse manches Sponsors solcher Fachtagungen.

Kürzlich wieder kamen die Experten zu einem Symposium über die Bedeutung mehrfach ungesättigter Fettsäuren für die Ernährung frühgeborener Babies nach Dresden und fragten: Wie ließe sich die derzeit auf dem Markt befindliche Formula-Milch, also die komplizierte Mischung aus Kuhmilch und bestimmten Zusatzstoffen, der Muttermilch annähern? Die nämlich bleibt noch für lange Zeit der Goldstandard, an dem sich die Kunstmilch messen lassen muß. „Wir haben ihn noch nicht erreicht“, bedauerte der Biochemiker Günter Sawatzki vom Milchhersteller Milupa in Friedrichsdorf, „wir können noch nicht all die Immunglobuline zusetzen, die für die Infektabwehr notwendig sind.“ Der Münchner Kinderarztprofessor Bert Koletzko wies freilich auf Fortschritte hin: „Wir sind mit unserer Forschung über die Bedeutung der langkettigen ungesättigten Fettsäuren für die Leistung des Gehirns weitergekommen.“

Das Gehirn braucht Fett, besonders in seiner frühen Entwicklungsphase. Zwischen der 25. Schwangerschaftswoche und in den ersten Monaten nach der Geburt wächst es atemberaubend schnell. Allein in den letzten zehn Schwangerschaftswochen verdoppelt sich das Hirngewicht. Nervenzellen wachsen, verzweigen und verbinden sich, bilden Schalter für die Signalübertragung. Die Nervenstränge, die motorischen für die Bewegung und die sensiblen für die Schmerzleitung, müssen mit Myelin umkleidet werden, ähnlich wie eine Stromleitung isoliert wird.

Dazu sind Triglyceride und Phospholipide erforderlich. Die meisten von ihnen werden aus Kohlehydraten oder Ketonen, Abbauprodukten des Zuckerstoffwechsels, vom Kind selbst produziert. Aber die vielfach ungesättigten langkettigen Fettsäuren (LCP), die zum Aufbau der Phospholipide notwendig sind, kann das Kind nicht selbst herstellen. Solange es im Mutterleib geschützt ist und versorgt wird, ist das kein Problem, weil die Mutter die lebenswichtigen Bausteine an ihr Kind abgibt. Endet die Schwangerschaft indes vorzeitig und fehlt es noch dazu an Muttermilch, die ausreichend LCP enthält, dann wächst das Neugeborene zwar, gerät aber später unter Umständen in Schwierigkeiten, wenn es auf die Hirnfunktionen ankommt – auf das Denken, das Lernen, das Verarbeiten der akustischen, optischen und taktilen Signale.

Jährlich werden bei uns rund 10 000 extrem unreife Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1500 Gramm geboren. Nicht alle ihre Mütter stillen die Kinder – nicht weil sie zu bequem oder vielleicht der verführerischen Werbung von Milchherstellern zum Opfer gefallen sind, sondern weil Krankheit oder Geburtsstreß die Milchproduktion verhindern. Und viele junge Mütter haben kaum Milchdrüsengewebe in ihrer Brust, sondern vornehmlich Binde- und Fettgewebe.

Fehlt die Muttermilch, aus welchen Gründen auch immer, dann kommt es besonders für unreife Babies auf die richtige Anfangsnahrung an. Noch immer weit verbreitet ist der Irrtum, daß allein die Gewichtszunahme, auf die manche Mütter und Väter so stolz sind, das Gedeihen eines Kindes anzeigt. Und eine schwache Hirnleistung fällt leider erst dann auf, wenn es für eine Reparatur zu spät ist.