ZDF, 6. bis 14. März: "Durchreise"

Als vor dreizehn Jahren der amerikanische Mehrteiler "Holocaust" ins deutsche Fernsehen kam, glaubte man, ihn dem Publikum nur mit flankierenden Diskussionsrunden und dokumentarischem Begleitmaterial zumuten zu dürfen. Nicht daß sich eine US-Produktion des Themas Judenvernichtung angenommen hatte, war der Skandal, sondern daß es in Form einer Seifenoper von den Bildschirmen grüßte, die neben Schock- und Gruselsequenzen auch den Alltag im "Dritten Reich" zeigte, Menschen, die lachten, frühstückten, Unsinn machten.

Dann ein Schnitt aufs KZ Nie, dachte man damals in der Bundesrepublik, könne und dürfe die Barbarei der Hitler-Zeit in dieser Weise zum Stoff für eine Serie werden, die sogar Werbekunden interessiert. Jedenfalls für deutsche Produzenten gebe es hier ein Tabu. Und was den Amerikanern recht war, konnte uns immerhin geschmacklos erscheinen.

Inzwischen ist das Tabu zerstört. Nicht nur daß "Holocaust" derzeit unkommentiert und völlig selbstverständlich über einige dritte Programme flimmert, auch deutsche Sender haben begriffen, daß die Barbarei sich nirgendwoanders fortzeugte als im Alltag. Da, wo die Menschen lächelten, Kaffee tranken und Witze rissen.

Der grausige Schnitt von der Normalität aufs KZ ist sozusagen historisch legitimiert. Die Barbarei unterwanderte die Gesellschaft vom Frühstückstisch her. Also ist das Fernsehen als populäres und den Alltag spiegelndes Medium sehr wohl zuständig für die Darstellung der Nazi-Epoche, und zwar nicht nur in Form von Diskussionsrunden und dokumentarischem Material, sondern – horribile dictu – in Form von Seifenopern! Wir hatten etliche eigene in den vergangenen Jahren, und keine wurde als Skandal empfunden. Die Angst vor dem NS-Alltag als Stoff ist zerstoben.

Nicht restlos: An den deutschen Variationen von "Holocaust" kann man ihre Spuren immer noch erkennen – wie sollte es auch anders sein. Wo immer Filme über die Nazizeit kulinarisch werden, spürt man, daß die Macher nicht herzhaft zupacken, sondern vorsichtig herumtasten, daß sie ihrer Charaktere unsicher und um ihre Botschaft besorgt sind. Sie arbeiten wie mit Gummihandschuhen, und der Film, der dabei herauskommt, ist entsprechend uneigentlich und künstlich.

Das gilt auch für die "Durchreise" von Curth Flatow, TV-Sechsteiler nach einem Bühnenstück. Erzählt wird die Geschichte einer Berliner Modefirma, deren jüdischer Eigner nach Hitlers Machtantritt verkauft, im Hinter- und Untergrund aber weiter präsent bleibt. Seine Angestellten, die das Geschäft übernehmen und zu ihm halten, bilden eine Art Familie mit allem, was das Leben so austeilt: unerklärte Liebe, Rivalität, Freundschaft, Verrat. Modemacher Max Salomon (wunderbar: Udo Samel) überlebt, aber sein Werk und seine Welt liegen in Trümmern. Vor dreizehn Jahren wäre dieser Film wegen seiner Gemütlichkeit, seiner Neigung zu Normalität und Kaffeestündchen, undenkbar gewesen. Heute zeigt er, daß es richtig ist, von der Judenverfolgung auch à la Lindenstraße zu handeln. Und er zeigt auch, wie verdammt schwer das ist.

Barbara Sichtermann