Von Klaus Laermann

Lange vor dem Höhepunkt der Studentenbewegung hat Herbert Marcuse die antike Figur des Narziß als einen Kulturheros gefeiert. In seinem Buch „Triebstruktur und Gesellschaft“, das 1957 (immerhin bereits zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung in den USA) auf deutsch erschien, lieferte er eine problematische Interpretation dieser Figur, die sich als außerordentlich folgenreich erweisen sollte. Denn Marcuse sah nur die hellen Seiten des Narziß, ja, er stilisierte ihn förmlich zur Lichtgestalt. Sie diente ihm als Eideshelfer für seine Theorie einer kulturrevolutionären „Großen Verweigerung“. Die Strategie Marcuses, der sich schon 1955 durchaus als Philosoph einer kommenden Gegenkultur begriff, forderte die Flucht aus einer Welt der entfremdenden Arbeit, den Rückzug und die Befreiung aus den Zwängen der väterlichen Leistungswelt sowie einen Verzicht auf jenes kulturelle Erbe, das angeblich nur um den Preis fortdauernden Aufschubs einer letztlich doch nie eintreffenden Befriedigung zu haben war. Narziß sollte als Leitfigur an die Stelle des Ödipus treten.

Bei diesem Paradigmenwechsel ging es um mehr als nur um eine veränderte mythologische Referenz. Denn hinter ihm verbarg sich der Protest gegen überflüssig gewordene Autoritäten und deren Repressionen. An die Stelle der inzestuös getönten Auseinandersetzung mit einem geschwächten, zunehmend abwesenden Vater und seinen internalisierten Geboten sowie Verboten sollte die strahlende Selbstbemächtigung eines Ich treten, das sich ebenso spielerisch wie ungezwungen in seine imaginären Entwürfe verliebt. Narziß sollte als Antiheld zeigen, wie sich gegen Leistungszwang und Triebunterdrückung, gegen Bewußtseinszensur und Sensibilitätsverlust protestieren ließ. Denn er verwarf den heterosexuellen wie den homosexuellen Eros nicht um eines asketischen, sondern um eines noch erfüllteren Eros willen. Seine Selbstliebe bedeutete in Marcuses Darstellung eine antiautoritäre Abkehr vom Realitätsprinzip zugunsten einer libidinösen Besetzung des eigenen Ich und zugunsten einer neuen Hinwendung zur Dingwelt. Damit nahm Marcuse vorweg, was die Studentenbewegung später unter Berufung auf ihn praktizierte: eine Verkehrung des politischen in einen ästhetischen Protest.

Im Rückblick zeigt sich heute, daß die Studentenbewegung dort besonders folgenreich war, wo sie selbst es am wenigsten erwartet hatte. Ein Vierteljahrhundert nach 1968 ist unübersehbar, daß sie sich in mehr als einer Hinsicht verschätzt hat. Eine ihrer größten Fehleinschätzungen bestand gewiß darin, daß sie ihren Protest politisch meinte begründen zu müssen, während er mittel- und langfristig viel eher ästhetisch wirkte. Und die ästhetische Wirkung ihres Protests hing offenbar direkt mit einem von ihr ebenso innovativ wie provozierend vorgelebten Narzißmus zusammen.

Dieser Narzißmus der 68er war mehr als bloß eine Mode. Und doch hatte er zweifellos auch etwas Modisches. Seine oft aufdringlich zur Schau gestellte Lockerheit wandte sich gegen alles Schwere und Steife, gegen alles Förmliche und Altbackene. Die 68er gaben sich selbstbezogen, „cool“ and „easy“, begannen jeden zweiten Satz mit einem sanften „Du, ich...“ und kleideten sich lässig bis nachlässig. Ihre Abkehr von der Welt der Erwachsenen setzte an bei deren Kleiderordnungen. Gerade diese ästhetische Selbstbemächtigung erwies sich als große Provokation. Es gab auf einmal keine feinen Anzüge und Krawatten mehr und auch nicht mehr das kleine Schwarze mit dem Perlenkettchen und den Stöckelschuhen, sondern eher schmuddelige und meist zu weite Pullover. Die Kleidungsunterschiede zwischen den Geschlechtern wurden zudem so weitgehend verwischt, daß sich eine Art modischer Hermaphroditismus abzuzeichnen begann. Noch wenige Jahre zuvor wäre es nicht nur unerlaubt, sondern unvorstellbar gewesen, daß Mädchen keine Röcke trugen, sondern Hosen oder gar Jeans.

Besondere Bedeutung gewann die veränderte Haartracht. Männer hatten kürzere und Frauen längere Haare zu tragen. Das jedenfalls schien in den Jahren vor 1968 unverrückbar festzustehen. Der damals aufsehenerregende Haarschnitt der Beatles galt als öffentliches Ärgernis; Studenten, die ihn kopierten, wurden als „langhaarige Affen“ beschimpft. Doch die, die damals schimpften, tragen heute selbst lange Haare und reden, als wäre das nichts, statt von ihren „Freundinnen“ und „Freunden“ von ihren „Partnerinnen“ und „Partnern“. Denn mittlerweile scheint sich eine gewisse Tendenz zur Homosexualisierung des Heterosexuellen, also zur Herabsetzung der Geschlechterspannung und zur Angleichung der Geschlechter in Kleidung und Habitus, allgemein durchgesetzt zu haben. Sie ist gewiß nicht als direkte Folge der Studentenbewegung anzusehen, wäre aber ohne sie in dieser Form zweifellos nicht eingetreten. Der Narzißmus des modischen Partnerlooks ist in einem 1968 nicht vorhersehbaren Ausmaß geschmacksbestimmend geworden.

Das Protestpotential in Kleidung und Haartracht, das die Studentenbewegung erschlossen hat, scheint sich inzwischen erschöpft zu haben. Nur extreme, ja schrille Formen der Marginalisierung, die einhergehen mit einer offensiv zur Schau gestellten Selbstbeschädigung und einer Beeinträchtigung des körperlichen Erscheinungsbildes erregen noch ephemere Aufmerksamkeit. Sie gehen weit hinaus über das, was die 68er sich zugemutet hätten; denn die präsentierten ostentativ gerade die sinnliche, ja die blühende Unversehrtheit ihres Körpers. Immerhin aber scheinen sie erreicht zu haben, daß abweichendem Verhalten und extravaganten Formen der Selbststilisierung heute in der Öffentlichkeit mit erheblich mehr Toleranz begegnet wird. Denn wer hätte vor einem Vierteljahrhundert vorherzusagen gewagt, daß bald kaum jemand daran Anstoß nehmen würde, wenn Jugendliche sich Ringe durchs Ohrläppchen oder durch die Nasenflügel ziehen? Inzwischen scheint es unglaublich, daß selbst Bärte, mittlerweile oft nur Zeichen einer gewissen männlichen Bequemlichkeit, in den Jahren vor 1968 als Provokation wirkten und Ärgernis erregten.