Von Klaus Laermann

Lange vor dem Höhepunkt der Studentenbewegung hat Herbert Marcuse die antike Figur des Narziß als einen Kulturheros gefeiert. In seinem Buch „Triebstruktur und Gesellschaft“, das 1957 (immerhin bereits zwei Jahre nach seiner Veröffentlichung in den USA) auf deutsch erschien, lieferte er eine problematische Interpretation dieser Figur, die sich als außerordentlich folgenreich erweisen sollte. Denn Marcuse sah nur die hellen Seiten des Narziß, ja, er stilisierte ihn förmlich zur Lichtgestalt. Sie diente ihm als Eideshelfer für seine Theorie einer kulturrevolutionären „Großen Verweigerung“. Die Strategie Marcuses, der sich schon 1955 durchaus als Philosoph einer kommenden Gegenkultur begriff, forderte die Flucht aus einer Welt der entfremdenden Arbeit, den Rückzug und die Befreiung aus den Zwängen der väterlichen Leistungswelt sowie einen Verzicht auf jenes kulturelle Erbe, das angeblich nur um den Preis fortdauernden Aufschubs einer letztlich doch nie eintreffenden Befriedigung zu haben war. Narziß sollte als Leitfigur an die Stelle des Ödipus treten.

Bei diesem Paradigmenwechsel ging es um mehr als nur um eine veränderte mythologische Referenz. Denn hinter ihm verbarg sich der Protest gegen überflüssig gewordene Autoritäten und deren Repressionen. An die Stelle der inzestuös getönten Auseinandersetzung mit einem geschwächten, zunehmend abwesenden Vater und seinen internalisierten Geboten sowie Verboten sollte die strahlende Selbstbemächtigung eines Ich treten, das sich ebenso spielerisch wie ungezwungen in seine imaginären Entwürfe verliebt. Narziß sollte als Antiheld zeigen, wie sich gegen Leistungszwang und Triebunterdrückung, gegen Bewußtseinszensur und Sensibilitätsverlust protestieren ließ. Denn er verwarf den heterosexuellen wie den homosexuellen Eros nicht um eines asketischen, sondern um eines noch erfüllteren Eros willen. Seine Selbstliebe bedeutete in Marcuses Darstellung eine antiautoritäre Abkehr vom Realitätsprinzip zugunsten einer libidinösen Besetzung des eigenen Ich und zugunsten einer neuen Hinwendung zur Dingwelt. Damit nahm Marcuse vorweg, was die Studentenbewegung später unter Berufung auf ihn praktizierte: eine Verkehrung des politischen in einen ästhetischen Protest.

Im Rückblick zeigt sich heute, daß die Studentenbewegung dort besonders folgenreich war, wo sie selbst es am wenigsten erwartet hatte. Ein Vierteljahrhundert nach 1968 ist unübersehbar, daß sie sich in mehr als einer Hinsicht verschätzt hat. Eine ihrer größten Fehleinschätzungen bestand gewiß darin, daß sie ihren Protest politisch meinte begründen zu müssen, während er mittel- und langfristig viel eher ästhetisch wirkte. Und die ästhetische Wirkung ihres Protests hing offenbar direkt mit einem von ihr ebenso innovativ wie provozierend vorgelebten Narzißmus zusammen.

Dieser Narzißmus der 68er war mehr als bloß eine Mode. Und doch hatte er zweifellos auch etwas Modisches. Seine oft aufdringlich zur Schau gestellte Lockerheit wandte sich gegen alles Schwere und Steife, gegen alles Förmliche und Altbackene. Die 68er gaben sich selbstbezogen, „cool“ and „easy“, begannen jeden zweiten Satz mit einem sanften „Du, ich...“ und kleideten sich lässig bis nachlässig. Ihre Abkehr von der Welt der Erwachsenen setzte an bei deren Kleiderordnungen. Gerade diese ästhetische Selbstbemächtigung erwies sich als große Provokation. Es gab auf einmal keine feinen Anzüge und Krawatten mehr und auch nicht mehr das kleine Schwarze mit dem Perlenkettchen und den Stöckelschuhen, sondern eher schmuddelige und meist zu weite Pullover. Die Kleidungsunterschiede zwischen den Geschlechtern wurden zudem so weitgehend verwischt, daß sich eine Art modischer Hermaphroditismus abzuzeichnen begann. Noch wenige Jahre zuvor wäre es nicht nur unerlaubt, sondern unvorstellbar gewesen, daß Mädchen keine Röcke trugen, sondern Hosen oder gar Jeans.

Besondere Bedeutung gewann die veränderte Haartracht. Männer hatten kürzere und Frauen längere Haare zu tragen. Das jedenfalls schien in den Jahren vor 1968 unverrückbar festzustehen. Der damals aufsehenerregende Haarschnitt der Beatles galt als öffentliches Ärgernis; Studenten, die ihn kopierten, wurden als „langhaarige Affen“ beschimpft. Doch die, die damals schimpften, tragen heute selbst lange Haare und reden, als wäre das nichts, statt von ihren „Freundinnen“ und „Freunden“ von ihren „Partnerinnen“ und „Partnern“. Denn mittlerweile scheint sich eine gewisse Tendenz zur Homosexualisierung des Heterosexuellen, also zur Herabsetzung der Geschlechterspannung und zur Angleichung der Geschlechter in Kleidung und Habitus, allgemein durchgesetzt zu haben. Sie ist gewiß nicht als direkte Folge der Studentenbewegung anzusehen, wäre aber ohne sie in dieser Form zweifellos nicht eingetreten. Der Narzißmus des modischen Partnerlooks ist in einem 1968 nicht vorhersehbaren Ausmaß geschmacksbestimmend geworden.

Das Protestpotential in Kleidung und Haartracht, das die Studentenbewegung erschlossen hat, scheint sich inzwischen erschöpft zu haben. Nur extreme, ja schrille Formen der Marginalisierung, die einhergehen mit einer offensiv zur Schau gestellten Selbstbeschädigung und einer Beeinträchtigung des körperlichen Erscheinungsbildes erregen noch ephemere Aufmerksamkeit. Sie gehen weit hinaus über das, was die 68er sich zugemutet hätten; denn die präsentierten ostentativ gerade die sinnliche, ja die blühende Unversehrtheit ihres Körpers. Immerhin aber scheinen sie erreicht zu haben, daß abweichendem Verhalten und extravaganten Formen der Selbststilisierung heute in der Öffentlichkeit mit erheblich mehr Toleranz begegnet wird. Denn wer hätte vor einem Vierteljahrhundert vorherzusagen gewagt, daß bald kaum jemand daran Anstoß nehmen würde, wenn Jugendliche sich Ringe durchs Ohrläppchen oder durch die Nasenflügel ziehen? Inzwischen scheint es unglaublich, daß selbst Bärte, mittlerweile oft nur Zeichen einer gewissen männlichen Bequemlichkeit, in den Jahren vor 1968 als Provokation wirkten und Ärgernis erregten.

Stärker als in seinen modischen Aspekten brachte sich der Narzißmus der 68er in psychosozialen Entwicklungen zur Geltung. Und gerade darin war er alles andere als strahlend. Denn dieser Narzißmus war (im Gegensatz zur Darstellung Marcuses) keine sanfte Selbstliebe, die die paternalistischen Konflikte des Ödipus gar nicht erst durchstand, sondern umging. Er erwies sich vielmehr als eine Unfähigkeit zur Liebe aus Angst, keine Antwort zu finden, oder aus dem Unvermögen, sich anderen zu öffnen. Die Generation der 68er ist nicht ohne Grund eine von Singles. Sie war die erste Generation, in der fast niemand ohne Liebesverrat, ohne die Erfahrung einer tiefen erotischen Trennungsbeschädigung (zumindest aber nicht ohne die Angst vor ihr) durchgekommen ist. Sie fühlte sich prinzipiell bedroht von der Aussicht, verlassen zu werden oder verlassen zu müssen.

Daraus hat sich bei ihr eine latente Trennungsangst und starke Bindungsfurcht, ja fast eine generationsspezifische Bindungsunfähigkeit entwickelt. Die narzißtische Verdopplung des Ich sollte ihr Halt bieten vor einem Selbstverlust und Schutz gewähren gegen erotische Bindungen, die ihr unverläßlich erschienen und zu entgleiten drohten. Gerade weil sie getrieben war durch die doppelte Angst vor Selbst- und Bindungsverlust, suchte sie in Asthetisierungen einen verläßlichen Halt Die stellten sich bei manchen als ostensible Liebesunbedürftigkeit zur Schau, bei anderen dagegen als übersteigerte Sexualisierung. Wieder andere erwiesen sich als unfähig, die Liebe anderer anders anzunehmen, als sie zur Steigerung der eigenen Selbstwertempfindungen zu verwenden. Sie verfielen immer erneut einer süchtig zum Spiegel schielenden Liebe, die sich ihres Veranstaltungscharakters bewußt blieb und deren Ausstellungsgewinn höher war als ihr Erlebnisertrag. Die mit der Pille möglich gewordene sexuelle Freizügigkeit brachte jedenfalls kaum eine Befreiung, sondern eher eine auf Dauer gestellte Krise der Liebesbeziehungen. (Nicht umsonst fand man für sie den häßlichen Namen „Beziehungskisten“.) De-

  • Fortsetzung nächste Seite
  • Fortsetzung von Seite 67

ren einziger Zusammenhalt bestand oft genug darin, sich wechselseitig mit unausgesetzten Trennungsdrohungen zu überziehen.

Wo die Liebe zur Sucht wurde, da konnten umgekehrt auch die Süchte geliebt werden. Die 68er waren die erste deutsche Jugendbewegung, die ein enges Verhältnis zu Narkotika hatte, sie nicht als der Welt der Väter zugehörig verachtete und mied. Anders als die Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg wandten sie sich nicht gegen ihre Eltern mit dem Argument, sie seien drogenabhängig. Sie nahmen vielmehr selbst Drogen, um sich Zugang zu einer eigenen und anderen Welt zu verschaffen. Sie wollten von vornherein die eigene Begeisterungsfähigkeit über die Grenzen der Alltagswahrnehmung hinaus steigern, um sich aus dieser Begeisterung heraus gegen die Welt der Erwachsenen abzusetzen. Auch das war Teil ihrer Narzißmus-Problematik. Denn Drogen verleihen die Macht, durch Betäubung und Rausch die Grenzen des Ich scheinbar beliebig zu erweitern, dessen Allmachtsgefühle scheinbar unendlich zu steigern, Defekte im Selbst imaginär zu beseitigen sowie Unsicherheits- und Minderwertigkeitsgefühle abzuwehren.

Dies Ineinander von Gefühlen der Allmacht und Ohnmacht, das die Halluzinogene vermittelten, wurde abgefangen und verstärkt durch die Tendenz der 68er zur Gruppenbildung. Wenn jeder Narzißmus dazu neigt, das eigene Ich übermäßig zu idealisieren, dann läuft er auch immer Gefahr, diese Idealisierung angesichts realer Schwächen des Ich nicht durchhalten zu können. Wer eine zu große Diskrepanz wahrnimmt zwischen dem, was er idealerweise (also insbesondere vor anderen) zu sein beansprucht, und dem, was er real (vor sich selbst) sein muß, der bedarf einer fortlaufenden Bestätigung seiner Selbstentwürfe. Daraus entwickelt sich gelegentlich die schlimme Angst vor einer Nichtbestätigung des eigenen idealen Selbst, und die wiederum kann dessen Pseudobestätigung durch eine Gruppe nötig werden lassen. Die Gruppe vermag dem einzelnen narzißtische Zufuhr zu verschaffen, indem sie ihm Gelegenheit bietet, sich unbewußt mir ihr zu verwechseln, sein Ich durch ein Gemeinschaftserlebnis imaginär anwachsen zu lassen zu einem Wir, das er als ein geheimes Gruppen-Ich empfindet, welches ihn trägt und hält. Die Selbstdarstellung vor den Spiegeln einer kleinen, vom Ich kontrollierbaren Öffentlichkeit, die Inszenierung der eigenen Person im Binnenraum einer Gruppe verschafft eine spezifische „Wärme“.

Doch Gruppen dienten in der Studentenbewegung nicht nur (wie überall sonst) dazu, Einsamkeitsängste auszugleichen und ein nach außen abgeschottetes Binnenklima zu erzeugen. Sie hatten in ihr noch spezifischere narzißtische Funktionen. Ihre Mitglieder spiegelten sich oft so sehr ineinander, daß sie in Gefahr gerieten, sich durch die wechselseitige Akklamation ihrer Selbstentwürfe den Blick auf die Welt zu verstellen.

Das galt nicht zuletzt für ihre Weigerung, sich ein differenzierteres Bild der Gesellschaft zu verschaffen. Trotz ihrer zuweilen hohen soziologischen Ansprüche gab es für die meisten von ihnen nur die eigene Generation, das Proletariat und den Rest der Welt. Dabei nahmen sie sich nicht nur als prinzipiell gleichgesinnt, sondern auch als im wesentlichen gleich alt wahr. Wer älter war, galt als abgeschrieben, und wer jünger war, zählte entweder dazu oder er zählte nicht. Von Beginn an gab es für die 68er kein Nachher. Manche von ihnen haben sich eine Verlängerung ihres psychosozialen Moratoriums bis zum 50. Lebensjahr gestattet. Sie sind (zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung) auch heute noch Jugendliche und glauben allen Ernstes, nicht altem zu können. Bestätigt hat sie in dieser narzißtischen Illusion die Erfahrung, sich nicht der Herausforderung durch eine nachwachsende Generation stellen zu müssen. Nach ihnen ist nichts Nennenswertes gekommen. Denn die heute Dreißigjährigen scheinen oft wie gelähmt und leiden an erheblichen Motivationsverlusten.

Aber schon zu ihrer Zeit erwies sich das Selbstbestätigungsverlangen der 68er in ihren Gruppen und Grüppchen als steigerungsfähig und vor allem als steigerungsbedürftig. Es führte zu allerlei Größenphantasien, die für ihre narzißtische Struktur kennzeichnend waren. Aus diesen Phantasien entstand ein überdehntes Wir-Gefühl, das als Kompensation für die psychische Schwäche der einzelnen ihnen Stärke mehr suggerierte als garantierte. Denn der Narzißmus war hier ein Kult der Selbstbespiegelung und der Weltflucht nicht so sehr aus Selbstverliebtheit, sondern viel eher aus Angst und Verzweiflung über die traurige Verfassung von Selbst und Welt.

Die Studentenbewegung war fasziniert von den scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten subkultureller Gruppenbildungen. Gruppen dienten ihrer narzißtischen Demarkation in einem sonst als konturenlos, fremd oder kalt erfahrenen sozialen Raum. Daß es eine Vielzahl von spontan gebildeten Gruppen und Untergruppen Gleichgesinnter gab, wurde als großartig empfunden. Denn ein narzißtisches Ich konnte sich scheinbar unbegrenzt in ihnen spiegeln und diese Spiegelungen unbewußt als seine eigene Grenzenlosigkeit wahrnehmen. Das Ich rechnete sich darüber hinaus die Freiheit seiner Entscheidung, sich gerade dieser (und nicht einer anderen) Gruppe anzuschließen, als eine besondere Leistung zu. Denn unbewußt verschaffte ihm diese Freiheit das Gefühl, Herr zu sein über die Gruppe. Es konnte sich ihr nicht nur anschließen, sondern sie auch jederzeit wieder verlassen.

Damit entstand unversehens die Illusion, es selbst sei die Gruppe, weil es sich in ihr spiegeln und sie scheinbar „machen“ konnte. Diese negative Freiheit war geradezu die Bedingung seines narzißtischen Größenselbst. Zur vollen Blüte gelangte sie während und nach der Studentenbewegung in den schier endlosen Spaltungsprozessen der Linken. In ihnen vollzog sich nicht allein deren Verfall, sondern an ihnen offenbarte sich ihre wahre Größe, nämlich die ihres Narzißmus. Und der war zweifellos auch deshalb so enorm, weil es außerhalb der Linken nichts zu geben schien. Jedenfalls stand damals (anders als heute) der linken keine rechte Subkultur gegenüber, die sie bekämpft und ihr einen Widerpart geboten hätte.

Gestützt wurde der Narzißmus der 68er zudem durch den naiven Stolz auf einen gemeinsamen, dem Rest der Welt nicht vertrauten Theoriebesitz. In ihm spielte für viele von ihnen (unter relativ privilegierten Sozialisationsbedingungen) die Idee, die bundesrepublikanische Gesellschaft durch eine Revolution verändern zu können, die bestimmende Rolle. Diese Idee aber hatte durchaus etwas Wahnhaftes; denn sie war fraglos jedem politischen Handeln voraus und hielt unerbittlich das Wünschbare für das Machbare. Das wurde nicht zuletzt dann deutlich, wenn sie zum Vorwand für immer neue Spaltungstendenzen genommen wurde. Denn nur durch fortgesetzte Spaltungen konnte die Revolutionsidee eine scheinhafte Konkretion gewinnen. Nur durch sie waren Abweichler namhaft zu machen, denen die Verantwortung für das Ausbleiben eines Umsturzes anzukreiden war.

In dem gegen Einwände weitgehend immunisierten Glauben an eine Revolution haben damals mache 68er das Proletariat behandelt wie Narziß das Wasser jener Quelle, an der er sich in sein Bild verliebt: Sie nahmen es so wenig wahr, und es schien ihnen letzten Endes so gleichgültig, daß sie in ihm kaum mehr sahen als ein Medium der Inszenierung ihrer selbst. Viel spricht dafür, daß es sich bei ihrer übersteigerten Revolutionsbegeisterung um eine jener für Narzißten typischen Größenideen handelte, die sich aus einer wahnhaften Überschätzung ihrer eher begrenzten politischen Handlungsmöglichkeiten entwickelten. (Daher dann auch die Leichtigkeit, mit der nicht wenige 68er nach dem Scheitern ihrer Revolutionsträume eingeschwenkt sind ins Lager ihrer Gegner. Rasch führt eben ein großsprecherischer, nur nötiger oder motzender Protest direkt in den Biedersinn. Andere freilich zahlten für ihre Träume mit jahrelangen Depressionen und schweren Lernprozessen.)

Eine kaum zu überschätzende Bedeutung besaß für den Narzißmus der 68er die späte Frankfurter Schule. Von ihr lernten sie die aparte Attitüde jener vornehmeren Weltnegierung, die sie wissenschaftlich kultivierten. Sie bot in einer elitären, ihrerseits stark ästhetisierten Sprache gute (und wohl auch einige weniger gute) Begründungen für eine zwar politisch getönte, oft aber nur narzißtisch motivierte Weltflucht. Charakteristisch für sie war das Ineinander von globalisierter Enttäuschung und „schlechter“ Utopie. Beides kam dem Negativismus entgegen, mit dem sich Teile der Studentenbewegung von allem und jedem distanzierten. Sie protestierten gegen das Ganze und suchten das ganz andere.

Manche von ihnen stellten fast schon paranoid die gegebene Gesellschaftsordnung als widerspruchsfrei, als alles vereinnahmend und als prinzipiell gewalttätig hin. Das ganz andere dagegen sollte in einer Sphäre gefunden werden, die rigoros vom Bestehenden, seinen gesellschaftlichen Kräften oder Gewalten und von seinen Machtstrukturen getrennt zu bleiben hatte. Diese Ablehnung des Gesellschaftsganzen als eines gewalttätigen Systems weckte dann bei einer radikalisierten Minderheit innerhalb dieser Minderheit eine zunächst geheime, später offene Bereitschaft zur (vorgeblichen) Gegengewalt, die im Terrorismus letzten Halt zu finden hoffte. Doch diese höchst explosive Flucht aus der Politik aus Angst vor deren Gewalt stellte nur eine Spielart der eigenartig selbstverliebten Machtflucht dar, die für viele 68er charakteristisch war. Die Ablehnung vorgegebener Strukturen und Konturen ging bei ihnen einher mit der Weigerung, eigene Gestaltungsrisiken zu übernehmen, aus Angst vor der dann nur zu oft drohenden Konturenlosigkeit oder aus Angst vor einer offenen Komplizenschaft mit der angeblich allgegenwärtigen Gewalt.

Für ihren Narzißmus wie für fast jeden modernen war nicht die Selbstliebe bestimmend, sondern eine idealisierte Selbstverkennung. Sie erstreckte sich trotz aller offensiv zur Schau getragenen Politisierung auch auf die Art ihres Umgangs mit der Politik. Die 68er glaubten nur zu oft und viel zu lange, politisch zu handeln, während sie sich in Wirklichkeit nur narzißtisch gerierten. Sie meinten, ganz anders zu leben, als sie faktisch lebten. Sie proklamierten Ideale, die ihr Leben politisch selbst dort noch zusammenhalten sollten, wo es schier unmöglich gewesen wäre, ihnen politisch zu folgen. Vor allem in ihrer öffentlich geförderten Spontaneität waren sie zuweilen weiter von sich entfernt, als sie sich eingestehen mochten. Sie glaubten, spontan zu sein, dem Ideal einer vollständigen Offenheit zu gehorchen, und merkten nicht, daß sie nur zu bald bloß noch mitmachten.

An wohl keinem Punkt ihrer Entwicklung hat sich die Generation der 68er stärker blamiert als 1989. Denn im Jahr der Wende in der DDR büßte sie den Anspruch auf eine politische Führungsrolle in der Bundesrepublik, den sie bis dahin, zumindest indirekt, noch immer erhoben hatte, vollends ein. Den 68ern kam diese Wende durchaus nicht gelegen. Und sie haben sie politisch verschlafen. Schon als längst erkennbar war, wohin die Entwicklung drängte, wollten sie sich das bequeme Bild erhalten, das der andere deutsche Staat ihnen bot Er war für sie ein ästhetisches Gegenbild ihrer selbst, gerade weil es in ihm keine Studentenbewegung gegeben hatte. In westlichen Augen (und vor allem in den Augen der 68er) besaß dieser Staat jene graue Stumpfheit und autoritäre Antiquiertheit, die ihn hinter einer sozialistischen Fassade in weiten Teilen noch immer so aussehen ließ wie die alte Bundesrepublik vor 1968. Die DDR war ein Land der Moral, nicht der Ästhetik. Sie kannte weder den für den Westen typischen Oberflächenglanz der Warenwelt noch den intellektuellen Narzißmus, noch die oft mit ihm zusammen auftretende Ironie. Sie war ein durch und durch ästhetisch plattes, moralisch hochgerüstetes Gemeinwesen. Und gewiß ist die DDR auch daran zugrundegegangen, daß ihre Bewohner es leid waren, mit der alten Bundesrepublik nur moralisch konkurrieren zu sollen, aber ästhetisch nicht konkurrieren zu können.

Für die 68er aber bot sie so etwas wie eine Negativfolie oder einen Spiegel, vor dem sie selbst sich narzißtisch in Szene setzen konnten. Viele von ihnen brauchten den Staat des Proletariats, gerade weil er so ganz anders (und das hieß: ästhetisch stumpf) war. Sie kamen durch ihn besser zur Geltung. Zudem konnten sie auf diese Weise einen Rest an politischer Nostalgie angenehm und unverbindlich über die Jahre retten.

Trotz allem aber sind die von der Studentenbewegung ausgelösten Veränderungen im Alltag der alten Bundesrepublik offenkundig und von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Schon bald nach 1958 war dieses Land vor allem in ästhetischer Hinsicht nicht mehr dasselbe. Es war offener, unverkrampfter und toleranter geworden. Doch eine Veränderung seines politischen Systems hat die Studentenbewegung selbst dann nicht herbeigeführt, wenn man die Ablösung der CDU-Regierung 1969 als eine ihrer mittelbaren Folgen ansieht.

Die 68er, die ihre Welt und die Gesellschaft durch eine Revolution meinten verändern zu müssen, lösten fast nebenbei einen entscheidenderen Wandel in den westdeutschen Lebensverhältnissen aus. Denn indem sie die alltäglichen Verhaltensmuster zunächst am Rande der Gesellschaft und in kleinen Gruppen änderten, surften sie gleichsam auf der Welle einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Der Kapitalismus, den sie als ihren Feind begriffen, den sie abschaffen wollten, veränderte sich mit ihnen, aber gewiß nicht ausschließlich durch sie. Immerhin ist zu erwägen, ob er nicht ihnen einen Teil seiner ästhetischen Innovation verdankt, die lackierte und gestylte, fasziniernd glitzernde Oberfläche, mit der er seither arbeitet und lockt.

Umgekehrt wäre aber auch zu erwägen, ob nicht die Studentenbewegung aufzufassen ist als Symptom eines umfassenderen Umbaus des bundesdeutschen Kapitalismus. Auffallend sind jedenfalls Parallelen hier wie dort. Denn die 68er waren, rückblickend betrachtet, nur ein Teil jener Avantgarde der Lockeren und Leichten, die das Eischeinungsbild der Bundesrepublik in den letzten 25 Jahren entscheidend geprägt haben. Viel spricht dafür, daß sie gerade durch ihren ostensiblen Narzißmus zum Vorreiter einer Entwicklung geworden sind, die seit 1968 die gesamte Gesellschaft der alten Bundesrepublik erfaßt hat. Nach anfänglichen Widerständen, die sich vor allem gegen ihre äußere Erscheinung und ihren Habitus richteten, wirkte ihr Narzißmus alles andere als deviant. Er fand vielmehr in relativ kurzer Zeit ein hohes Maß an Billigung, ja an Entgegenkommen. Das Schwanken zwischen gestörtem Selbstwerterleben und hedonistischer Gratifikation durch den Schein der schönen Oberfläche ist jedenfalls nicht mehr nur das Problem einer Subkultur. Die äußeren Bedingungen eines gesamtgesellschaftlichen Wandels zu stärker narzißtisch betontei Selbstdarstellungsweisen und Umgangsformen waren ein wachsender Wohlstand mit entsprechend gestiegenen Konsumbedürfnissen, die Ausweitung der Freizeit und eine verstärkte Mobilität. Hinzu kam das allgemein akzeptierte Ideal schicker Jugendlichkeit und die fraglos geltende Zumutung von seiten der Werbung, jeder könne und solle sich paradiesische Zustände schaffen.

Daß jedoch die mythische Entgegensetzung des Narziß gegen den Odipus keineswegs zu einem dauerhaften Sieg des einen über den anderen geführt hat, wird heute deutlich. Denn unter der Oberfläche der von den 68ern entscheidend geprägten ästhetischen Alltagskultur machen sich in gefährlichem Ausmaß erneut autoritär organisierte Bestrebungen von rechts bemerkbar, die des Bild dieser Republik in ganz anderer Weise zu bestimmen drohen, als dies im letzen Vierteljahrhundert denkbar erschien.

Klaus Laermann ist Professor für Germanistik an der Freien Universität Berlin. Unser Text ist ein Vorabdruck als Heft 2 der „Neuen Rundschau“, das in diesen Tagen im Verlag S. Fischer, Frankfurt, erscheint.