Von Christa Moog

Die Briefe Katherine Mansfields umfassen in der in Oxford erschienenen großformatigen Ausgabe fünf Bände. Die Auswahl daraus, die der Insel Verlag jetzt vorlegt, zeigt vor allem eins: wie kompromißlos diese Autorin von Anfang an alles, jeden Schritt ihres Lebens, ihrer Verwirklichung als Künstlerin untergeordnet hat. Und den Preis, den sie dafür zahlte.

Die fünfzehnjährige Schülerin des Queens College, London, gesteht ihrer Cousine, in die sie angeblich verliebt ist (auch in ihren Deutschlehrer ist sie verliebt): „Dieses Semester möchte ich sehr hart arbeiten“ („arbeiten“ unterstrichen). „Ich finde es so wesentlich, daß alle Frauen eine bestimmte Zukunft haben – Du nicht auch? Die Vorstellung, stillzusitzen und auf einen Ehemann zu warten, ist ganz und gar abstoßend –“ Drei Jahre später schickt die Tochter des Präsidenten der Bank von Neuseeland ihre ersten Geschichten an den Verleger einer australischen Zeitschrift. Sich Inspiration zum Schreiben erhoffend, wohnt sie in einem der Sommerhäuser der Familie in den Klippen überm Pazifik, berichtet in Briefen nach London, wie sie badet, rudert, vor Lachen (über das Dienstmädchen) stirbt, berichtet von Bällen und Empfängen in der Stadt, wo fünf („fünf“ unterstrichen) Männer darum gebeten haben, sie zu heiraten, und schließlich von ihrem Entschluß: „Ich muß zurückkommen, weil ich weiß, daß ich Erfolg haben werde.“

Im Juli 1908 verläßt sie – neunzehn Jahre alt – ohne den Segen des Vaters (der ihr allerdings hundert Pfund jährlich als Lebensunterhalt schickt), einen Maorigott als Glücksbringer im Gepäck, Neuseeland für immer. Sie mietet sich in der Metropole London in einem Wohnheim für Musikstudentinnen ein, spielt Cello, liest Nietzsche, Baudelaire, schreibt Tagebuch, Gedichte im Stil von Walt Whitman und Briefe, verliebt sich, heiratet (eine Künstlerin muß schließlich „alle Arten des Lebens“ kennenlernen) einen anderen, den sie in der Hochzeitsnacht wieder verläßt, wird schwanger, hat eine Fehlgeburt, infiziert sich mit Gonorrhöe – jener Krankheit, die man damals bei Frauen, wenn überhaupt, dann zu spät erkannte und die qualvolle Leiden wie Arthritis, Entzündungen in der Herzkammer und den Lungenmembranen verursachte. Eine Krankheit, die ihren Körper zu sehr schwächte, um die spätere Tuberkulose noch abwehren zu können.

Als sie im Dezember 1911 den Literaturstudenten John Middleton Murry kennenlernt, sind die Weichen in mehrfacher Hinsicht gestellt. Es beginnt ihr Wettlauf mit der Zeit, von der sie – vor allem um mit Murry zu streiten, ihm den Haushalt zu führen – nichts verschenken kann. „Ja, ich hasse hasse HASSE das alles, was Du genauso annimmst, wie es alle Männer von ihrer Frau annehmen. Und ich kann das Hausmädchen leider nur sehr widerwillig spielen...“

Jahre bevor sie auf Empfehlung der Ärzte immer wieder für Monate an der italienischen und französischen Riviera lebt, verläßt sie Murry, um in gemieteten Hotelzimmern, Sommerhäusern, Wohnungen von Freunden so unbehelligt wie möglich schreiben zu können. Im März 1915 erfährt Murry aus Paris, 13, Quais aux Fleurs, daß die Kastanien im Jardin du Luxembourg Blätter bekommen haben, „mit Tauben und Babies ganz reizend“, daß die Zeitungen auf orangefarbenen Segeln daherkommen, man rundherum „voici les jolies violettes de Parme“ ruft, daß seine Geliebte, in ihren schwarzweißen Mantel gehüllt, über die Le de la Cité spaziert, nachts Stendhal liest und nur arbeiten kann, wenn – auf die Entfernung hin – zwischen ihr und Murry alles „gut steht“. „Gedem war für mich ein großer Tag. Die Musen stiegen wie die Engel auf Botticellis Christigeburtsdach in einem Kreis herab ... und ich fiel meinem ersten Roman in die offenen Arme ... dann machte ich den Fensterladen zu und ging lange am quai spazieren... Wie ich über der Brücke lehnte, entdeckte ich plötzlich, daß eines der Boote genau so war, wie mein Roman sein sollte...“

In der Einsamkeit von Bandol, Menton, Ospecaletti schrieb sie die Geschichten, die ihren Weltruhm begründeten. Sie trug den Gedanken an eine neue „Story“ lange mit sich herum, schrieb sie wieder und wieder „im Kopf“, um sie schließlich in einem Akt höchster Konzentration innerhalb weniger Stunden aufs Papier zu bringen. Dieser Prozeß durfte durch nichts und niemanden gestört werden. Sie mußte dazu „so allein wie möglich bleiben“, „so wenig wie möglich selbst abhängig sein“.