Von Alphons Schauseil

Es ist gar nicht leicht, auf dem Mont-Saint-Michel eine Postkarte zu finden, die ihn noch als „Pyramide im Ozean“ zeigt, so wie ihn Victor Hugo im vorigen Jahrhundert empfand. Auf seinen zigtausendfach verkauften, um den ganzen Globus verschickten oder als Poster heimgetragenen Konterfeis erhebt sich der mit Granit und Glaubenskraft aufs Doppelte überhöhte Inselberg in der Normandie weit aus einem mehr oder weniger feucht schillernden Watt. Meerumschlungen ist er nur noch selten, zuletzt war er es bei der „Jahrhundertflut“ vor einer Woche. Als er schon längst nicht mehr Ziel frommer Pilger war, haben ihn die Menschen mit einem Zwei-Kilometer-Damm festgemacht wie ein Museumsschiff. Seitdem versandet er still und nur noch Wogen aus Autoblech branden gegen seine Wälle.

Er sollte längst den freien Fluten zurückgegeben werden, Europas stärkstem Gezeitenwechsel, mit einem maximalen Tidenhub von 14 Metern. Von den gut zwei Millionen Besuchern jährlich werden indes auch in den kommenden Jahren die meisten heimreisen, ohne hier das Meer gesehen zu haben. Daß die Wellen mit Einsetzen der Flut „wie galoppierende Rösser“ auf den Michaelsberg zupreschen, werden sie allenfalls in älteren Texten nachlesen können. Denn die vor einem Jahrzehnt gestartete Aktion „Rettet das Weltwunder Mont-Saint-Michel“ droht nun selbst zu versanden.

1979 wurde der Mont von der Unesco in die Liste der zu bewahrenden Kulturdenkmäler aufgenommen. Bereits seit 1970 hatte das Zentrale Französische Institut für Wasserbautechnik in Modellversuchen eine Rückgabe des heiligen Berges an die Elemente simuliert. Fazit der Studie: Der Damm muß schnellstmöglich wieder weg, wenn die Bucht nicht unwiderruflich verlanden soll. Am 24. Juni 1983 tat denn auch Präsident Mitterrand den ersten, symbolischen Spatenstich zur Öffnung einer Bresche, damit die Strömungen den Mont wieder freispülen können. Danach wurde auch der erste, 1858 aufgeschüttete Deich Roche Torin abgetragen. Doch der Straßendamm, 1873 fertiggestellt, liegt noch unberührt. In seinem Schutz müssen erst einmal andere Sanierungsetappen bewältigt werden: die Umwandlung vor allem der erst 1969 gebauten, automatischen Hochwasserschleuse im normannisch-bretonischen Grenzfluß Couesnon zu einem Rückhaltebecken für das Süßwasser. So soll künftig der frisch aufgeschwemmte Sand zurückgeschickt werden. In diesem Jahr will man außerdem die Abwässer des Mont nicht mehr ungereinigt dem trägen Hauptpriel übergeben, sondern zuvor beim Festlandort Beauvoir klären. Bereits seit einem Vierteljahrhundert gilt das Wasser der Bucht als verseucht.

Um das Hauptprojekt hingegen, die bequeme Straßenzufahrt zu demolieren, sie durch eine Stelzenbrücke zu ersetzen und die Autos meerwärts, hinter der schroffen Abseite des Mont parken zu lassen, ist es still geworden. Bringt man am Ort die Sprache darauf, wird das Versandungsproblem als „übertrieben“ abgetan. Höchst widersprüchlich sind auch die Antworten auf die Frage, wie oft denn nun der einstige Wallfahrtsfelsen noch vom Wasser umarmt werde. Die junge Dame im Touristenbüro gleich links hinter der Porte de l’Avancée meint, „immerhin etwa zweimal im Monat“! Bürgermeister Eric Vannier bietet mit „rund zehn Tagen monatlich“ wesentlich mehr. Die offizielle Gezeitentabelle verzeichnet 45 Springfluten, von denen jedoch die meisten den Saum des Berges nur zögernd berühren dürften.

Das alles ist nun beileibe kein Grund, den Mont fortan zu meiden. Natürlich bewegt sich das Meer unter den Anziehungskräften von Mond und Sonne auch weiterhin um ihn herum. Doch es atmet immer flacher, füllt sichtbar nur die Priele und durchdringt die alljährlich neuaufgeschütteten eine Million Tonnen Sedimente meist nur noch bis zur Oberfläche, zeichnet dabei trügerische, gleißende Flecken und Linien in den geriffelten Grund. Dieses Lichtspiel macht sich natürlich auf Photos gut, es hebt den Michaelsberg wie eine Fata Morgana über die Reflexe.

Vielleicht, wenn denn nun wirklich Ebbe und Flut wieder freien Lauf bekommen sollten, wird sich der Besucher sogar zurücksehnen nach den ausgedehnten Zeiträumen, in denen heutzutage der Mont in aller Ruhe und ohne Gefahr zu Fuß umrundet werden kann. Noch nach Tagen grüßen dann herzumrandete Initialen oder ein Heinz aus Höxter riesengroß aus dem Wurmhäufchen gesprenkelten, festen Sand. Auch dem Berg selbst ist das Watt ein Zeichenblock: Abends, wenn den bis zu gut 400 Übernachtungsgästen das Essen aufgetragen wird, wirft vor den Veranden der Hotelrestaurants die Spitze der Abteikirche einen langen Schatten in Richtung Avranches.