Von Walter Euchner

In der Diskussion um eine Standortbestimmung der deutschen und europäischen Geschichte spielt Ernst Nolte eine herausragende Rolle. Er hat früher als andere Historiker und Sozialwissenschaftler die Auswirkungen des „europäischen Bürgerkrieges“ zwischen dem faschistischen, sowjetkommunistischen und liberal-kapitalistischen Lager thematisiert. Deshalb erschien nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems Noltes Problemsicht als Vorgabe, an der sich andere diagnostische Versuche erst einmal abarbeiten mußten.

In seinem jüngsten Buch geht Nolte der Frage nach, welche Bedeutung Politik und Geschichte im Leben und Denken Martin Heideggers zukommen. Kontext der Darstellung ist der Weltbürgerkrieg. Dafür gibt es einen durchschlagenden Grund: Heidegger, bekanntlich der einflußreichste deutsche Philosoph in diesem Jahrhundert, hat sich auf die Seite einer der kriegführenden Parteien geschlagen, nämlich auf die des Nationalsozialismus – ein vieldiskutiertes Skandalon. Nolte, ein Schüler Heideggers und von dessen Denken tief geprägt, verfolgt das Ziel, Heideggers Entscheidung für den Nationalsozialismus zu erklären, ja als plausibel erscheinen zu lassen. Er bedient sich dabei seines umstrittenen Arguments, daß der Nationalsozialismus, als Antibolschewismus genommen, historisch im Recht gewesen sei. Bezogen auf Heidegger: Dieser sei vielleicht zum „Faschisten“ geworden, „aber er geriet deshalb keineswegs von vornherein ins historische Unrecht“.

Um Heideggers Haltung verständlich zu machen, rekonstruiert Nolte die Endphase der Weimarer Republik und stellt sie zugleich in den weiteren Zusammenhang des welthistorischen Konflikts zwischen dem westlich-liberalen System, dem Sozialismus und dem Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus. Das liberale System, von Nolte als „problematisierend-problematische Gesellschaft“ charakterisiert, sei zugleich eines der „geistigen und politischen und nicht zuletzt der ökonomischen Krisen“ gewesen. Die erste Antwort hierauf sei der Sozialismus gewesen, ein radikales Konzept der Gesellschaftsveränderung, verbunden mit einer Vernichtungslehre, nämlich der der Beseitigung der bürgerlichen Ausbeuterklasse. Nolte nennt dies den „großen Lösungsversuch“. Die Nationalsozialisten hätten diesem Konzept eine „kleine Lösung“ entgegengehalten, die Nolte so bezeichnet, weil diese eher moderat gewesen sei, mit maßvollen ökonomischen Eingriffen und politischen Methoden, die nur auf die Vernichtung von politischen Organen, aber nicht ganzer Gesellschaftsklassen abgezielt hätten. Wie weit Hitler mit der Verwirklichung seines rassistischen Vernichtungsgedankens gehen würde, sei zunächst nicht abzusehen gewesen.

Noltes Rekonstruktion der Endphase der Weimarer Republik stellt die kontinuierlich zunehmende Stärke der Kommunisten in den Mittelpunkt. Dies sei das „Grundgeschehen der Weimarer Republik“ gewesen. Diese These ist aus mehreren Gründen fragwürdig. Denn auf wirtschaftlichem Gebiet betrachteten die Unternehmer die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften mit ihrer Tarifpolitik und ihrem Streben nach Mitbestimmung als ihre wichtigsten Gegner, während die Kommunisten über kein pragmatisches Reformkonzept verfügten. Und ob die Kommunisten wirklich eine schlagkräftige Bürgerkriegsarmee besaßen, die Reichswehr, Polizei und SA gewachsen gewesen wäre, steht dahin.

Den Umschwung im Jahr 1933 stellt Nolte als „Volkserregung und Volksbewegung“ dar. In ihm habe, nach einem „gutbezeugten Ausspruch einer einfachen Frau“, „der Pulsschlag eines ganzen Volkes“ gehämmert. Nicht hinzu setzt Nolte Zeugnisse republiktreuer Sozialdemokraten und Zentrumsleute, die im Januar 1933 von lähmendem Entsetzen befallen und zudem – um einen Lieblingsbegriff des Autors zu verwenden – historisch im Recht waren.

Für Nolte jedenfalls wurde Heidegger von diesen Konstellationen und Ereignissen dazu bewogen, sich der NSDAP anzuschließen und in den Jahren 1933 und 1934 als Rektor der Universität Freiburg im Breisgau eine Universitätspolitik zu betreiben und Reden zu halten, die heute Kopfschütteln erregen. Nolte versucht, die eine oder andere Verhaltensweise zu rechtfertigen, doch er kann natürlich nicht bestreiten, daß Heidegger in jenen Jahren ein begeisterter Nationalsozialist gewesen war. Immerhin steht fest, daß Heidegger den nationalsozialistischen Rassenwahn nicht teilte und sich bereits im Verlauf des Jahres 1934 von den Nationalsozialisten zu distanzieren begann.