Von Gabriele von Arnim

MÜNCHEN. – Gern würden sich zur Zeit wohl viele in ein Schneckengehäuse zurückziehen; ihre weiche Haut und ihren weichen Kopf, wenn möglich auch noch Herz und Seele mit einem Panzer umgeben. Rückzug ins Private hat man diese Sehnsucht auch genannt. Stichworte genügen, um den Wunsch zu verstehen: Hungerkatastrophen, Flüchtlingselend, das Morden im ehemaligen Jugoslawien, Gemetzel in Togo und Zaire, Meuchelmorde in Mölln, Chaos in der ehemaligen Sowjetunion, sterbende Meere, ein Ozonloch, das wächst. Die Liste ließe sich weiterschreiben. Und die Verzweiflung nagt in uns. Viele versinken in Apathie, antworten mit politischer Abstinenz, andere flüchten in den Zynismus.

Resignation im Schneckenhaus ist gewiß die schlechteste und auch die ärgerlichste Reaktion auf unsere elende Welt. Natürlich ist es einfacher, den Zustand der Menschheit in toto zu benörgeln, und wir Deutsche sind ja mit geradezu masochistischen Wonnen geneigt, im Analysieren von Mißständen zu verharren.

Es kostet Kraft, nicht zu verzweifeln an dem Menschen, von dem sich das vielversprechende Wort Menschlichkeit herleitet. Als der Schriftsteller Vigoleis Thelen, der aus "Gründen der Menschlichkeit" 1933 aus Deutschland emigriert war, eine Wiedergutmachungsrente beantragte, erwiderte ein zweifelnder Gutachter: "Herr Thelen, Menschlichkeit, was ist das schon."

Wer heute von Menschlichkeit redet und nach ihren Geboten handeln will, wird von vielen mit diesem überlegenen Lächeln der Wissenden als naiver Tölpel abgetan. Als ob Zynismus intelligenter sei – oder die Resignation. Denn wer sich wehrt gegen Apathie und Ohnmachtsgefühle und sich für das Engagement entscheidet, folgt nicht nur einem Überlebenstrieb, er handelt sogar aus Lebenslust – nach dem bekannten Prinzip: Tu Gutes, und es geht dir selber besser.

Es gibt viele Menschen, die angesichts der bedrückenden Vielzahl der Probleme die Hände heben und kapitulieren. Wo soll man denn anfangen, fragen sie und beginnen nirgends. Nur, ist der Einsatz vom Erfolg abhängig? Ist jeder Protest, der verhallt, vergebens gewesen?

In Südindien haben wütende Bauern monatelang gegen die Agrarpolitik ihrer Regierung protestiert. Vergebens. Dann versammelten sie sich zu Tausenden vor dem Parlamentsgebäude und lachten zwei Stunden lang die Regierung aus. Vermutlich auch vergebens. Aber wer würde behaupten, daß der Protest unsinnig war.