Dieses Buch erscheint anläßlich des 30. Jahrestages des „Frauenprotestes in der Rosenstraße“. Dort, um die Ecke vom Berliner Alexanderplatz, demonstrierten Anfang März 1943 nichtjüdische Frauen für die Freilassung ihrer jüdischen Männer und „Mischlings“-Kinder – und die kamen frei! Aber das Buch beschränkt sich nicht auf dieses wahrhaft beachtliche, lange fast vergessene Ereignis, sondern es stellt die gesamte Verfolgungsgeschichte der Juden in Deutschland aus der Perspektive eines jungen jüdischen Berliners dar.

Allerdings: Dieser „Erlebnisbericht“ des „Hans Großmann“ ist fiktiv; er bündelt die dokumentierten Erlebnisse mehrerer Zeitzeugen. Muß das sein? Gibt es in Sachen Rosenstraße nicht schon genug romanhafte Phantasie, selbst dort, wo ausnahmsweise einmal ein Fachhistoriker seinen Fuß auf dieses unbeackerte Gelände setzt? Gibt es nicht neuerdings einen ausgezeichneten Interviewfilm mit Zeitzeugen der Rosenstraße, nämlich mit Demonstrantinnen und Inhaftierten von 1943? Aber das Buch zerstreut diese Bedenken: Es erweist sich als menschlich erzählte und didaktisch gelungene, als glänzende Einführung in das Unfaßliche.

Als vor einiger Zeit der US-amerikanische Historiker Nathan Stoltzfus in Berlin seine These vortrug, damals hätten tausend protestierende Frauen ihre Männer vor dem sicheren Abtransport nach Auschwitz gerettet, da stieß er auf Widerspruch. Das Problem mit den Historikern ist, daß die meisten von ihnen aktengläubig sind: quod non est in actis non est in mundo – was nicht geschrieben steht, gibt’s nicht. Immerhin gibt es einige schriftliche Zeitzeugnisse „vom Hörensagen“: Die amerikanische Gesandtschaft in Bern kabelte im April 1943 nach Washington, der Protest der Frauen habe die Freilassung der Juden erzwungen. Und Goebbels gesteht seinem Tagebuch eine Niederlage ein: Es hätten sich „unliebsame Szenen“ abgespielt, wo die Bevölkerung „sogar für die Juden etwas Partei“ ergriffen hätte.

Ob der Frauenprotest die Freilassung bewirkte oder nicht, ist unklar. Wahrscheinlich ist diese Frage zu verneinen. Die „arisch versippten“ Juden, in der „Fabrikaktion“ vom 27. Februar 1943 am Zwangsarbeitsplatz festgenommen, wurden ja nicht deshalb ausgesondert und in die Rosenstraße gebracht, weil man dasselbe mit ihnen vorhatte wie mit den anderen 8000 Verschleppten: Diese wurden schleunigst nach Auschwitz „einwaggoniert“.

Denkbar ist immerhin, daß die Naziführung sich selbst nicht ganz klar war, was sie mit diesem Personenkreis machen sollte. Schon auf der Wannseekonferenz und in nachfolgenden Besprechungen hatte man sich darüber ergebnislos den Kopf zerbrochen. Dann hätte der Frauenprotest vielleicht einen Stein in die Waagschale der glimpflichen Lösung geworfen. Wir wissen es nicht und werden es vermutlich nie wissen.

Die andere Frage aber läßt sich beantworten: Es gab die Möglichkeit und, viel zu selten, den Willen und den Mut zum kollektiven Widerstand. Sogar im Kriege. Die Machthaber waren erschreckt, weil Friedhofsruhe für den Mythos der Volksgemeinschaft unentbehrlich war. Auch gegen die Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen haben Eltern in Oldenburg und später im Kriege in Bayern erfolgreich demonstriert – sie drohten mit Schulstreik. Hätten Deutsche am Schicksal der nicht „arisch versippten“ Juden ein wenig mehr Anteil genommen, soviel wie am Schicksal der „arischen“ Geisteskranken, wer weiß...

Ekkehard Klausa