Von Robert Leicht

Nach der Sommerpause, also erst ein Jahr nach der feierlichen Einweihung, soll der neue Plenarsaal des Bundestages benutzt werden können. Doch jetzt steht sogar dieses absonderlich späte Datum wieder in Zweifel. Niemand vermag bisher zu sagen, wann die supermoderne, aber überempfindliche Mikrophon- und Lautsprecheranlage ihren Dienst aufnehmen wird.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – ob er nun den Architekten Behnisch oder die Firma Siemens trifft. Das nennt man die Panne der Perfektion. Merkwürdigerweise macht man sich aber nur lustig über die Tücken der Technik. Dabei liegt der eigentliche Fehler gar nicht darin, daß die famose akustische Anlage versagt.

Das ursprüngliche Versagen liegt vielmehr in der Planung: Wie konnte man nur einen Plenarsaal konzipieren, in dem eben das Eine und Eigentliche nicht möglich ist – eine Debatte bei natürlicher Tonlage? Wer sich von vornherein auf eine elektro-akustische Prothese stützt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm ohne diese Krücke sofort die Stimme verschlägt.

Die Panne liegt also nicht im Mikrophon. Das Mikrophon selber – und die Abhängigkeit von ihm – ist die Panne. Gewiß, heutzutage können wir öffentliche Rede ohne Schallverstärkung gar nicht mehr denken. Aber denken wir trotzdem einmal das Undenkbare – nicht als Idyll, aber als Utopie: einen Plenarsaal ohne Lautsprecher – ohne technische Lautsprecher, um genau zu sein.

Es versteht sich von selbst, daß sich die „Redekultur“ im Bundestag mit einem Mal ändern müßte. Nicht nur, daß die Abgeordneten deutlicher sprechen müßten, sorgfältiger, langsamer. Sie müßten sich wohl auch ein Mindestmaß an Sprechkunst und Atemtechnik aneignen. Aber es bliebe beileibe nicht bei solchen Äußerlichkeiten.

Wer einen Saal ohne Mikrophon und Lautsprecher füllen will, muß nicht nur phonetisch besser sein – er muß außerdem geistig mehr bieten, muß, seine Sätze grammatisch, und das heißt zugleich: gedanklich klarer gliedern. Dann reicht es nicht mehr aus, sachlich und formal allein im Vertrauen darauf zu nuscheln, daß der Verstärker nicht nur elektro-akustisch funktioniert. Mit anderen Worten: Der Redner könnte sich nicht darauf verlassen, daß allein der technische Schall die Zuhörer überwältigt, sondern er müßte schon selber Aufmerksamkeit wecken, die anderen Abgeordneten in seinen Bann ziehen. (Und die Zuhörer müssen ihrerseits die geistige Leistung des aktiven Zuhörens aufbringen, ohne daß ihnen der Lautsprecher alles bequem ins Ohr bläst.) Vor allem aber: Wer ohne Mikrophon einen Saal füllen will, muß praktisch frei sprechen, also im Kopf haben, was er sagen will. Denn er muß seine Zuhörer anschauen, weil die ihm – im wörtlichen Sinne – aufs Maul sehen müssen, wenn sie alles erfassen sollen. Das heißt aber, daß der Redner sich nicht übers Manuskript beugen darf – womit er sich allenfalls dem Mikrophon zuwendet, nicht aber den Hörern, die auf eine direkte „Beschallung“ ebenso angewiesen sind wie auf das Verfolgen der Lippenbewegungen.