Was er sich noch vom Leben wünsche, fragt Jean Seberg in Godards "Außer Atem" den berühmten Schriftsteller Parvulesco, gespielt von dem berühmten Filmregisseur Jean-Pierre Melville. Seine Antwort: "Unsterblich werden – und dann sterben."

Das hat Cyril Collard geschafft. Am Montag vergangener Woche bekam er gleich zweimal den César, den französischen Filmpreis, für sein Spielfilmdebüt "Wilde Nächte". Aber Collard konnte den Preis nicht mehr entgegennehmen. Er war drei Tage zuvor gestorben, an Aids. Er wurde fünfunddreißig Jahre alt. "Wilde Nächte" ist der Film, der ihm das Leben gerettet hat.

"Ich habe begonnen, einen Film zu drehen. Meinen ersten Film." Das steht am Ende von Hervé Guiberts "Mitleidsprotokoll", dem Abschiedsbuch eines anderen Fünfunddreißigjährigen, der an Aids starb, ein Jahr vor Collard. Wie Guibert hatte auch Cyril Collard schon geschrieben, bevor er von seiner Infektion erfuhr: Drehbücher, Lieder, Artikel. Er hatte Videoclips, Kurzfilme und Dokumentationen gedreht und bei Maurice Pialat ("Police") assistiert. Aber durch die Krankheit beschleunigte sich sein Denken, sein Schreiben, seine Phantasie. Innerhalb von zwei Jahren entstanden die Romane "Condamné Amour" und "Les Nuits Fauves", Geschichten aus einem Leben, das auch seines war, Erzählungen über die Großstadt, das Kino, die Liebe, die Bisexualität. 1990 drehte Collard einen Fernsehkrimi, dann erfüllte er sich seinen Traum: "Ich wollte einen Spielfilm drehen, und er konnte nur dieses eine Sujet haben."

Dieses eine Sujet: sein Leben. Denn um etwas anderes geht es nicht, wenn man keine Zeit mehr zu verschwenden, keine Kraft mehr zu vergeuden hat. Ein Film für ein Leben und für alle Ewigkeit. Wer aber nur einmal setzen darf, bevor die Partie vorbei ist, der setzt nicht die Hälfte, sondern alles. Deshalb ist "Wilde Nächte" auch kein dramaturgisch abgefeimtes, klug bescheidenes Anfängermeisterwerk über eine Dreiecksliebe in Paris, sondern ein rasender Schwall von Einfällen, Anekdoten, Spielereien, Abschweifungen und Geschwätzigkeiten, der alle Rücksichten auf Stimmigkeit und Kohärenz hinter sich läßt. Der Film will mindestens ein Dutzend Geschichten auf einmal erzählen, aber im Grunde erzählt er immer nur die eine, eigene, die Geschichte von Jean, dem Kameramann, der aus Afrika nach Paris zurückkommt und dort verzweifelt versucht, sein altes wildes Leben fortzusetzten, trotz allem und trotz Aids, der mit seinem roten Sportwagen durch die Nacht rast und sich am Seineufer von Strichern aufreißen läßt, der mit Laura (Romane Bohringer) schläft und dennoch mit Samy (Carlos Lopez) zusammenzieht, der immer rascher lebt und immer schneller vergeht. Und Jean ist Cyril Collard.

"Wilde Nächte" spielt im Jahr 1986, am Wendepunkt von Jeans und Collards Leben. Was vorher war, erfährt man nebenbei was nachher kommt, kann man sich ausmalen. Der Film aber zeigt die Momente des Übergangs, die Zeit, in der das unbekümmerte Dasein schon aufgehört und das Sterben noch nicht begonnen hat. Er rafft sie zusammen wie ein erspartes Gut, das nun endlich verpraßt wird. So, in der Verschwendung, die kein Kalkül mehr kennt, wird er zum Schrei.

Irgendwann beim Drehen muß Cyril Collard gemerkt haben, daß auf diesen Film kein zweiter mehr folgen würde. Darum hört "Wilde Nächte" nicht nur einmal, sondern drei-, viermal auf, als riefe jeder Abschied den nächsten herbei. Zuletzt steht Jean auf einem Felsen am Meer, und die Kamera jagt über die Wellen, bis das Bild in reinem Flirren erlischt. "Ich habe endlich meine Kinderbeine und Kinderarme wieder", schrieb Hervé Guibert in einem Epilog. Cyril Collard hat seinen Kinderblick wiedergefunden, den sterblichen, der ihn überleben wird. Andreas Kilb