Je fünfzehn nicht mehr lebende bedeutende Linke sollten die Politikstudenten auf ihre Karte schreiben, egal ob Deutscher, Franzose oder Russe, Politiker oder Dichter, Anarchist, Grüner oder Sozialdemokrat – wen sie eben für „links“ hielten: eine kleine unrepräsentative Umfrage zu Beginn eines Proseminars über den Revisionsbedarf linker Essentials an der Kieler Universität.

Das Ergebnis ist aufschlußreich. Rosa Luxemburg errang mit 18 von 21 Karten den Ruhm, die prominenteste historische Linke zu sein, knapp vor Karl Marx (16 Nennungen) – ein später Sieg des Nebenwiderspruchs über das Patriarchat. Vor Friedrich Engels (13) kam auf Platz drei Karl Liebknecht (14) ins Ziel, jedenfalls wenn man alle Liebknecht-Nennungen als Rosas Spartakus-Mitstreiter Karl identifiziert; Wilhelm Liebknecht, ein Vierteljahrhundert lang SPD-Vorsitzender im Kaiserreich (und Karls Vater), wurde nur einmal ausdrücklich genannt.

Die weiteren Plazierungen: 5. Lenin (12), 6. Bebel (10), 7. Wehner (9), 8. Lassalle, Trotzki, Schumacher – und Petra Kelly (je 7 Nennungen). Die Konkurrenz um den linken Literatenlorbeer gewann überzeugend Brecht (4) vor Camus (3), Böll (2) und Sartre (2). Insgesamt fielen den 21 Studierenden immerhin 60 Namen ein, darunter Lebende wie Helmut Schmidt, Erich Honecker und Ralf Dahrendorf (!) und Untote wie Stalin, Baader und Meinhof.

Für die 19- bis 25jährigen Studentinnen und Studenten schien die Frage nach dem Personal eines linken Pantheon alles andere als selbstverständlich und naheliegend: Nur drei von 21 konnten tatsächlich wie gefordert fünfzehn Größen nennen. Acht Nachwuchspolitologen fielen keine zehn Namen ein. Hans-Peter Bartels