Von Jutta Scherrer

Trotzkij hätte es sich kaum träumen lassen, daß die Oktoberrevolution selber einmal auf dem "Kehrichthaufen der Geschichte" landen würde. Den berühmt gewordenen Ausspruch hatte er vor 75 Jahren den Linken zugedacht, die den von den Bolschewiki verkörperten Fortschritt der Geschichte nicht wahrhaben wolten. Es war ein kleiner, vor allem ärmlicher Haufen – das Lumpenproletariat des neuen russischen Kapitalismus? der sich am 7. November 1992 auf dem Platz des Oktobers eingefunden hatte, auf dem noch immer ein größengewaltiger Lenin wegweisend in den Himmel ragt. Von hier aus begab sich der Zug der an eine lichte Vergangenheit Mahnenden zur Manege, den ehemaligen Reitställen der Zaren.

Der Rote Platz steht für derartige Veranstaltungen nicht mehr zur Verfügung. An seiner Nordfassade, wo vormals Segnungen des Sowjetstaates die Revolutionsfeierlichkeiten legitimierten, hatte den Monat zuvor ein Riesenplakat geprangt: "Heiliger Sergij, bete für uns". Nachts von gleißenden Scheinwerfern gleichsam himmlisch erleuchtet, stand einer Ikone gleich das gestrenge Abbild des Sergij von Radonesch den finsteren Mauern des Kreml gegenüber. Diese wurden noch zu seinen Lebzeiten, im 14. Jahrhundert, errichtet. Nur wenige Schritte entfernt verlieren sich im Museum Lenins gespenstisch die wenigen Besucher. Hinter den prunkvollen Säulen, ursprünglich für die Duma von Moskau errichtet, ist eine Epoche erstarrt Mit Spenden allein, von rührigen Altkommunisten auf der Straße gesammelt, ist das aufwendige Gebäude nicht mehr lange zu halten. Wie lange es noch mit dem benachbarten Mausoleum dauern wird, ist Stadtgespräch. Manch einer schaut ihn sich denn zum allerletzten Male an, den ausgedienten Führer, nimmt ewigen Abschied von einer Epoche. Das Leningrad der Perestrojka hatte, aus dem Munde seines demokratischen Bürgermeisters Sobtschak, gebührende Beisetzungsfeierlichkeiten sowie einen Friedhofsplatz garantiert: neben der Mutter, wie es sich der todkranke Gründer des Sowjetstaates einst gewünscht hat. Erst die Glasnost hat den letzten Willen des ersten Bolschewisten aus dem Dunkel der Archive gefördert. Ob freilich das Sankt Petersburg der Post-Perestrojka den exkommunizierten Heiligen noch will?

Eine letzte Illusion brach zusammen, als jetzt freigegebenes Archivmaterial eindeutig bewies, worüber früher nur gemunkelt wurde: daß Großvater Blank, der Vater mütterlicherseits, unbestreitbar jüdischer Herkunft war. Ein Hurra! der in Petersburg besonders stark vertretenen Nationalisten. Der Demokrat Sobtschak hat unmittelbar nach dem Putsch dem letzten Vertreter der Romanows, Großfürst Wladimir Kirillowitsch, die neuen gebührenden Ehren erwiesen: ein Handkuß zum Empfang in der in Sankt Petersburg zurückbenannten, imperialen Hauptstadt. Die Feierlichkeiten für den historischen Anlaß waren nicht zufällig auf den Tag der Revolution angesetzt. An Festtagen der Orthodoxie tritt der aufgeklärte Bürgermeister seitdem in Kirchen auf. Und davon wurden im neuen alten Sankt Petersburg inzwischen viele geöffnet.

Zeichen der Zeit wie alles im heute schnellebigen Rußland: Gegenüber dem Mausoleum sammeln Nonnen Geld für den Wiederaufbau einer von Stalin abgerissenen Kirche. An der Fassade des Leninmuseums reihen sich, wie einst um eine mittelalterliche Kirche, Stände und Buden. Kirchliche und nationalistische Literatur liegt aus, Veröffentlichungen des Patriarchats neben Blättern der äußersten Rechten, Ikonen und Kirchenkalender auf kaiserlichen Fahnen, zaristische Orden, Insignien der Kosaken unter Abzeichen und Dekorationen der kommunistischen Herrschaft. Wenige Schritte weiter schießen die neuen Symbole von Rußlands neuer ökonomischer Politik wie Pilze aus dem Boden. In Kiosken von der primitivsten bis zur luxuriösesten Ausführung wartet der ehemals verpönte Kapitalismus auf. Wodka und Cognac, beides billigst in der Bundesrepublik hergestellt, vom österreichischen Meinl gerösteter Kaffee, amerikanische Zigaretten, alles, was hier als westlicher Massenkonsum gilt. Die ebenso heroische wie sinistre Ästhetik des sowjetischen Stadtbildes wich nahezu über Nacht dem Stilleben eines Basars. Stadtführer und Pläne werden dem Straßenhandel als neuem urbanistischen Phänomen künftig Rechnung tragen müssen. Wenn die Kindertage des Kapitalismus nicht gezählt sind...

"Ich bin für die Reform, für einen richtigen Markt – aber gegen den Basar", so kanzelte der im Dezember ernannte Premierminister Wiktor Stepanowitsch Tschernomyrdin in einer seiner ersten politischen Verlautbarungen die neue Volksgläubigkeit ab.

Zu einem Zeitpunkt, da für Rußland die innere und äußere Entscheidung, zu Europa zu gehören, immer entscheidender wird, interessiert sich der Westen für das auseinandergebrochene Imperium immer weniger. Als ob von hier nichts mehr zu befürchten wäre. Das vom Kalten Krieg gehißte Banner des Marxismus-Leninismus scheint endgültig zerschlissen, die wenigen Nostalgiker sind triste Zeugen. Das Verfassungsgericht, das über das Schicksal der von Jelzin aufgelösten Kommunistischen Partei auf dem Territorium der russischen Föderation befinden sollte, fand im Westen weit mehr Gehör als bei den Bürgern des aufgelösten Imperiums. Doch mit dem Zusammenbruch der allmächtigen Ideologie ist ein gewaltiges ideologisches Vakuum entstanden. Dies aufzufüllen, drängen zwei Kräfte: Kirche und Nationalismus. Manchmal gehen sie schon Hand in Hand.