Von Christoph Plate

Als David Livingstone, der britische Entdecker und Missionar, nach Nkhata Bay in Afrika kam, glaubte er sich am nördlichen Ende des Lake Nyassa, wie er den See in einem Akt kolonialer Besitznahme getauft hatte. Das heute Lake Malawi genannte Binnengewässer liegt im 3000 Kilometer langen ostafrikanischen Grabenbruch. Und: Der See, flächenmäßig etwas kleiner als Belgien, ist der artenreichste Süßwassersee der Welt, ein tropisches Paradies für Fische, seltene Vögel und Nilpferde.

David Livingstone aber drehte in Nkhata Bay Richtung Westen ab, auf das Plateau zu und schien samt seiner Mannschaft verschollen zu sein. Der Brite kam damals häufiger abhanden. „Dr. Livingstone, I presume“, soll Henry Morton Stanley besagt haben, als er 1871 – einige Jahre später – nach langer Suche den während einer weiteren Expedition vermißten Livingstone wiederfand.

Seit Livingstones Zeiten hat in Nyassaland, dem seit 1964 unabhängigen Malawi, immer der weiße Mann das Sagen gehabt. In der Kolonialzeit, aber auch später, als der autokratische Präsident Banda das Land mit einer brutalen Diktatur überzog, waren es – und sind es bis heute – die weißen Geschäftsleute, Entwicklungsexperten und Priester, die hier wie kleine Götter behandelt wurden. Banda, der Präsident auf Lebenszeit, ist ein weißer Kolonialherr mit schwarzer Maske, einer der letzten Potentaten des afrikanischen Kontinents.

Auf den Plantagen, in den Hotels und der Universität ist der weiße Mann noch wer, auch wenn ihm die Viktorianische Prüderie des Präsidenten langes Haar verbietet und der Gattin des weißen Mannes, wie allen Frauen, das Tragen kurzer Röcke. Kommt ein Weißer irgendwo in der Provinz an eine Straßensperre, kann er sich einer höflichen Vorzugsbehandlung sicher sein. Ein freundlicher Polizist, der nach subversivem Material der verbotenen Opposition und nach Waffen suchen soll, beugt sich zum Wagenfenster, mustert wie beiläufig Passagier und Gepäck, fragt nach dem Woher und Wohin und salutiert schließlich mit einem „Go in peace“. Man kann weiterfahren, vorbei an den Buspassagieren, die in Reih und Glied stehen und ihre Ausweise und Taschen den Polizisten herzeigen müssen.

In Nkhata Bay, einem historischen Ort, erhob sich 1959, hundert Jahre nach dem Entdeckungsbesuch Livingstones, ein Aufstand gegen die britischen Herrscher. Vierzig Menschen wurden niedergemetzelt. Heute herrscht hier ein gemächlicher Tagesrhythmus. Aus der Blechschmiede auf dem Marktplatz ist das melodisch-metallene Hämmern zu hören, keine zwanzig Meter weiter landen Fischer in ihren Einbäumen aus Mahagoni ihren Fang am Seeufer an. „Morgen ist auch noch ein Tag“, denkt der Reisende. „Sikomo“, danke auf Chichewa, auch wenn die meisten Menschen hier Tonga sprechen, verwandelt die muffelige Kellnerin im kleinen Restaurant in eine lächelnde Frau.

Die Fischer am weißen Strand verkaufen direkt aus ihren Einbäumen heraus, meist Chambo, eine schmackhafte und proteinhaltige Barsch-Art. 40 000 Tonnen holen sie Jahr um Jahr aus dem See. Kleinere Fische werden sofort am Ufer gekocht, um sie für den Transport ins Landesinnere haltbar zu machen. Musikfetzen ziehen durch die Mittagshitze, ein warmer Wind weht durch die offenen Holzfenster des Restaurants, und die Seeoberfläche schimmert wie Gold herüber.