Von Gabriele Vensky

Bombay

In den hoffnungslos überfüllten Vorortzügen Bombays fahren die Leute wie eh und je zur Arbeit. Quälendes Gewühle herrscht in den Straßen. Auch die Börse inmitten von Glasscherben und Trümmern funktioniert wieder und scheint mit steigenden Kursen entschlossene Zuversicht demonstrieren zu wollen.

Nach dem grausigen Terroranschlag am vergangenen Freitag sind die Aufräumungsarbeiten in vollem Gange. Selbst die Entdeckung von weiteren Bomben, deren Zeitzünder offensichtlich versagten – sie waren in brandneue Motorroller in von Menschen wimmelnden Basarvierteln montiert –, hat die Einwohner der Stadt nicht mehr erschüttern können. Am vergangenen Wochenende fuhren sie gar statt zum Picknick am Strand zu den von dreizehn Explosionen am meisten betroffenen Orten: dem Air-India-Gebäude, dem Wahrzeichen der Stadt, dessen untere Stockwerke wie die des World Trade Center in New York von einer Autobombe zerfetzt wurden, der Börse in den Hochhausschluchten und dem Zaveri Gold-Basar, der als einziger noch nicht wieder geöffnet hat.

Doch auch die Schaulust der Städter kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich in den drei Stunden, in denen eine verheerendere Bombe nach der anderen explodierte, das Leben in Indiens größter Metropole grundlegend verändert hat. Die Polizei spricht von einer neuen Qualität von Terroranschlägen, wie sie die Welt noch nicht erlebt hat. Gezielt wurden sie zu einer Tageszeit und an Orten ausgeführt, wo möglichst viele Opfer garantiert waren. Über 250 verstümmelte und verbrannte Tote sind die bisherige Bilanz. Über 400 der 1200 Verletzten kämpfen noch immer um ihr Leben.

Erleichtert aber sind die Menschen darüber, daß es nach den Anschlägen nicht zu einer neuen Runde blutiger Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen gekommen ist, wie nach der Zerstörung der Moschee in Ayodhya im Dezember und Januar Über 800 Menschen kamen dabei allein in Bombay ums Leben.

Diesmal scheint Bombay entschlossen zu sein, der Welt seine Überlebensenergie zu beweisen. „Die Schande der letzten Wochen wiedergutmachen“, in denen Nachbarn, die jahrelang friedlich nebeneinander gelebt hatten, einander auf bestialische Weise umbrachten: Diese Absicht verkündet ein blutbespritzter Mann, der mit Hunderten anderer vor einem Krankenhaus steht. Er hat als Fußgänger die Explosion eines vollbesetzten Busses überlebt: „Wir standen in einem Regen von Blut“, berichtet er. Leichenteile seien noch in 200 Meter Entfernung gefunden worden. Nun will er mit einer Blutspende für sein Leben danken.