Ohne Wissenschaft“, schrieb Pierre Boulez einmal, „gibt es keinen musikalischen Fortschritt.“ Wer freilich von der Musikwissenschaft Auskunft darüber begehrt, wie Musikerlebnisse zustande kommen, erhält kaum sachdienliche Hinweise. Warum, zum Beispiel, läuft uns beim Hören bestimmter Musik ein Schauder, wohlig oder kalt, den Rücken herunter?

Das hatte sich auch Jaak Panksepp, Psychologe an der amerikanischen Bowling Green State University, schon oft gefragt, ohne daß ihm eine Antwort eingefallen wäre. Im Hauptberuf erforscht er Gefühlszentren im Hirn, speziell die Zentren der Traurigkeit. Die Urform dieses Gefühls ist, so will es eine weithin akzeptierte Theorie, der Trennungsschmerz. Er wird durch biochemische Substanzen ausgelöst und führt, bei Säugetieren und im Prinzip auch beim Menschen, nach einiger Zeit wieder zu neuen Bindungen – ein Vorteil im Konkurrenzkampf um die Vermehrung. Dieselben Substanzen werden indes auch bei bestimmten akustischen Reizen ausgeschüttet, wie Panksepp beobachtet hat. Und dieses Phänomen erinnerte ihn wieder an die unbeantwortete Frage: Was ist die Natur des musikalischen Schauderns?

Für Psychologen haben Massenuniversitäten den Vorteil, daß dort viele Versuchspersonen herumlaufen (wenngleich die Stichproben nicht immer repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sind). Panksepp ließ das Schauderproblem keine Ruhe mehr; also lud er 712 Studentinnen und Studenten zu Tests und Befragungen. Mehr als zwei Drittel gaben an, das Schaudergefühl zu kennen; bei den Frauen waren es deutlich mehr. Frauen erlebten, ihren Angaben zufolge, das Gefühl zumeist als Kälteschauder (chills), Männer hingegen deuteten es häufiger als elektrisierende Erregung (thrills). In beiden Gruppen befand eine Mehrheit, daß es vorrangig fröhliche Musik sei, bei der die Gefühlsereignisse auftreten.

Alsdann durften die Probanden Musik hören, eigens mitgebrachte sowie ein paar Scheiben, die der Psychologieprofessor auflegte. Die Studenten hatten zu notieren, wann es ihnen irgendwie den Rücken herunterlief, überdies wurden die Hauttemperatur und andere Werte gemessen. Angaben und Meßergebnisse stimmten zu achtzig Prozent miteinander überein. Und wieder erwiesen sich Frauen als empfänglicher für das Gefühl. Freilich waren es entgegen aller Selbstbeobachtung primär die als traurig eingestuften Melodien, die zu chills oder thrills führten.

Damit gab sich Panksepp aber nicht zufrieden. Er filterte verschiedene Frequenzbereiche aus den Musikstücken heraus – nichts veränderte sich. Nur einmal, nämlich als er die typischen Frequenzen des Wehrufs entfernte, den Affen bei der Trennung von geliebten Mitgeschöpfen ausstoßen: Plötzlich empfand niemand mehr irgendwelche Sensationen.

Können wir daraus etwas lernen? Panksepp bietet immerhin eine Spekulation an. Es könnte doch sein, meint er, daß genetische Programme Klageruf und Trennungsschmerz so miteinander koppeln, daß sie einander hervorrufen. Das klagende Wesen löst damit auch bei anderen Vereinzelten den Wunsch aus, sich zu binden. Dies könnte ein Motiv sein, das uns zivilisierte Primaten in der Musik noch immer anrührt, und zwar Frauen mehr als Männer. Gero von Randow